Kopf, pochend wie ein Herz
Thursday, May 24th, 2012 at 00:00

Dieser Moment, an dem die Plastikplanen auf den Festzelttischen von gelangweilten und befangenen Fingern bereits stundenlang perforiert worden sind und plötzlich jemand seinen Löffel im Wasserglas klingeln läßt, unter einem Protest, der so lautstark ist, wie der gute Ton es eben noch erlaubt… und dann erhebt sich niemand, die Arme resolut verschränkt im nunmehr stummen Protest, stühlerückendes Schweigen legt sich über den Saal, bis irgendjemand auf der Stirnseite des Tisches endlich Erbarmen hat und mit einem zwischen Achselhöhle und Hohlhand entweichendem Furzgeräusch die ganze Gesellschaft erlöst: Das ungefähr bin ich, hier und heute.

Ein Toast? Dann halt. Diese Worte sind so gut wie alle anderen, und besser als alles, was ich je selbst schreiben könnte. Ein Toast also, auf jemanden, der meinem Denken und Schreiben einen Arschtritt verpasste, als mich vor exakt zehn Jahren eine Frauenzeitschrift mit ihm bekannt machte, ein Hoch auf jemanden, der mir bis heute regelmäßig Hirn und Herz losstochert, wenn sie in Bequemlichkeiten hängen bleiben, ein Glas an die Wand für ihn, der mich Zynismus zu misstrauen lehrte. Vor Kurzem durfte ich an der Uni an einer Übersetzungsübung teilnehmen, in der wir uns gemeinsam an seinen Texten und seiner Sprache abarbeiten durften… es war Arbeit, aber eine der befriedigendsten, die ich je erleben durfte. Darum, hier und heute ein Toast, auf die Arbeit, auf das Lernen, die mir auch künftig im Nacken sitzen werden wie eine Zecke, die wenigstens den Anstand hat, mir beim Blutsaugen Johnny Boy ins Ohr zu singen: Die Übersetzung einer kurzen, geschlossenen Passage, ausgewählt aus ästhetischen Gründen (und nicht, weil sie irgendwie passend oder, schlimmer noch, symbolisch wäre für irgendetwas heute). Als Geschenk an mich selbst und Mahnung, dass, irgendwo da draußen, jenseits meines Gesichtfeldes, noch Ziele darauf warten, anvisiert und verfehlt zu werden. Take it away:

Vorbei an den Flanellebenen und Teergraphen und der Skyline von umgekipptem Rost, vorbei am tabakbraunen Fluss, behangen von trauernden Bäumen und Pfützen von Sonnenlicht, die auf dem abwärts fließenden Wasser schweben, zum Ort jenseits des Windwurfs, wo unberührte Felder grell brodeln in der Morgenhitze: Mohrenhirse, Gänsefuß, Reisquecke, Stechwinde, Nussgrass, Ackerminze, Löwenzahn, Stechapfel, Fuchsschwanzgras,  Muskattellerrebe, Wirbelkohl, Goldrute, Gundermann, Samtpappel, Nachtschatten, Ambrosia, Flug-Hafer, Wicke, Mäusedorn, invaginierte Ausfallbohnen, die Köpfe nicken in der Morgenbrise, sanft wie die weiche Hand einer Mutter auf deiner Wange. Ein Pfeil von Staren schießt aus dem Reet des Windwurfs. Das Glitzern des Taus, der bleibt, wo er ist, und dampft, den ganzen Tag. Eine Sonnenblume, und noch vier weitere, eine gebeugt, und Pferde in der Ferne, die stocksteif dastehen wie Spielzeug. Alle nicken. Elektrische Geräusche von Insekten, die ihren Geschäften nachgehen. Amber-farbener Sonnenschein und fahler Himmel und Wirtel von Zirruswolken, so hoch, dass sie keinen Schatten mehr werfen. Insekten, ganz Geschäft, die ganze Zeit. Quartz und Feuer- und Tonstein und Schieferungen von meteoritischem Eisen im Granit. Uraltes Land. Sieh dich um. Der Horizont, zitternd, formlos. Wir alle sind Brüder.

Krähen steigen auf, drei oder vier, kein Schwarm, im Anflug, stumm vor Entschlossenheit, kornwärts zum Weidezaun, hinter dem ein Pferd den Hintern des andern beschnuppert, der Schweif des Leitpferds bereitwillig gereckt. Das Markenzeichen deiner Schuhe, eingeprägt im  Tau. Eine Alfalfabrise. Sockenkletten. Trockenes Kratzen  in einem Durchlass. Verrosteter Draht und umgekippte Pfähle, eher ein Sinnbild von Einschränkung als ein Zaun an sich. JAGEN VERBOTEN. Das Sch! der Autobahn von jenseits des Windwurfs. Die Krähen auf der Wiese, schrägwinklig stehend, drehen Pferdeäpfel herum, um an die Würmer darunter zu kommen, die Form der Würmer eingeprägt im umgedrehten Dung, den ganzen Tag lang in der Sonne gebacken und gehärtet, winzige leere Linien in Reihen und eingelassenen Ringeln, die nicht geschlossen sind, weil Kopf nie ganz Schwanz berührt. Lies diese.

David Foster Wallace, The Pale King


				
				
				
				
Tief verwurzelte Geschichten
Wednesday, May 23rd, 2012 at 12:30

Ebenfalls neu erschienen, aber längst besprochen: Der zweite Teil der Witcher-Saga, in dem ich mehr Western als Western Fantasy entdeckte, und einen kraftstrotzenden Helden, der in seiner Impotenz menschlich wird. Einige Überlegungen zur Überlegenheit des ersten Witchers und der weltenschöpfenden Kraft lokaler Sagen und Mythen.


Das polnische Rollenspiel The Witcher 2 ist jüngst für Heimkonsolen erschienen. Ich habe es bereits letztes Jahr anlässlich seiner Erstveröffentlichung auf dem PC besprochen und bin nicht davor zurück gescheut, es als “wichtig” zu bezeichnen. Dabei bleibe ich: Es ist wichtig, dank seiner “No Bullshit”-Attitüde, mit der sich die Entwickler gerne und zurecht brüsten: The Witcher 2 gehört nicht nur zu den wenigen Spielen, die es wagen, den Spieler narrativ zu fordern – es traut sich auch, seinen Helden zu überfordern, und steht damit beinahe allein da im Reich der Power-Phantasie. Wenn das Spiel trotz aller pubertärer Späße und eskapistischer Fantasyanwandlungen das Wort „mature“ verdient, dann in diesem Sinn. Für das Titel-Magazin habe ich versucht, es so auf den Punkt zu bringen:

Der Witcher ist nicht der ritterliche Fantasy-Heldenarchetyp; vielmehr ähnelt er dem Revolverhelden des Spätwesterns, der seine persönliche Vendetta verfolgt und sich auf dem Weg dahin eventuell überzeugen lässt, das eine oder andere Problem mit aus dem Weg zu räumen. Während er jedoch hier und dort Brandherde löscht, überrollen ihn die Ereignisse wie eine Feuerwalze. In beiden Witcher-Spielen findet sich der Spieler in der Titelrolle wieder im Zentrum eines doppelten Konflikts (einer mystisch, der andere realpolitisch), der so komplex ist, dass er nur gestützt auf das extrem unterhaltsam geschriebene Spiel-Kompendium nachvollzogen werden kann. Und nur sehr bedingt beeinflusst: One man is never enough, denn Einfluss auf die Welt zu haben heißt nicht, sie nach seinem Willen gestalten zu können.

Tom Bissell, einer der besten Journalisten, der sich mit Computerspielen auseinandersetzt, hat sich das Spiel  kürzlich ebenfalls angesehen und fand nichts von alledem – oder sonst etwas von Interesse. Ein harsches Urteil. Nach dem Sprung erkläre ich, warum ich geneigt bin, ihm zuzustimmen.

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