Podcast of ze deaf: Game-Synchronisationen
Thursday, November 22nd, 2012 at 09:50

Die Frage der Sprache in Computerspielen liegt mir bekanntlich persönlich am Herzen. Auf meine Initiative haben wir deshalb bei Breaktfast at Manu Spielt’s geplaudert über Schmerz im Arsch, sächselnde Trolle und das Für und Wider des Spielens mit fremden Zungen.

Auslöser meines Bedürfnisses, über Game-Sychronisation zu sprechen: Eine Diskussion, die der ehrenfeste Filmkritiker Lukas Foerster mit einigen Freunden auf seinem Blog führte. Vor dieser Lektüre bin ich einer vermutlich unbewusst elitären Haltung nachgehangen: Irgendwas im Stil von “Das O in O-Ton steht für ‘only’, Alter!”. In diesem Gespräch wird aber sehr deutlich, dass es gute Gründe dafür gibt, Synchronfassungen zu sehen – unter anderem den, dass einem die “Werktreue” im Bild wichtiger ist als die im Ton. Ein Argument, das bei einem primär eben doch visuellen Medium wie dem Film sehr viel Sinn macht.

Beim Nachdenken ist mir dann aufgegangen, dass die Argumente und die Situation längst nicht so leicht auf das Computerspiel übertragen werden können, wie ich mir dies anfänglich naiv vorgestellt habe. Einige der Unterschiede und Probleme sprechen wir in der Diskussion an; über den Rest muss ich mir weiter Gedanken machen. Vielleicht sogar an dieser Stelle. Bis dahin: Anhören gehen. (Im Original-Ton.)

PS An anderer Stelle wird auch gerade ausgiebig über das Für und Wider des Eindeutschens gezankt: Die Schweiz bricht nämlich zusehends gründlich mit ihrer noblen Kinotradition, Filme immer auch im Originalton mit Untertiteln zu zeigen. Die Verleiher führen ökonomische und demographische Gründe an, die auf dasselbe hinauslaufen: Originalfassungen rechnen sich nicht. (Dass die Rechnung und die ihr zugrundeliegenden Zahlen nicht offengelegt werden, sei nur am Rande bemerkt.) Die Kommentare unter den Artikeln sind im Übrigen aufschlussreich: Sie zeigen gerade jenen Mangel an Senibilität für den drohenden Elitismus des “Synchronfassungen sind doof und für Doofe!”-Arguments, die sich hierzulande gerne auch mischen mit der in der Schweiz grassierenden Xenophobie. Dass man mit einem Atemzug Multikulturalität als Argument für Originalfassungen anführen und deren Sterben auf die vermaldeidte Einwanderung schieben kann, ist… faszinierend, um es nett zu sagen. (Auch wenn ich in der Konsequenz mit den Nörgerln immerhin insofern übereinstimme, dass ich in diesem Jahr weniger denn je im Kino war und meine Blu Ray-Sammlung langsam aufgestockt habe. Babyolnische Sprachoase Wohnzimmer, quasi.)

Kopf, pochend wie ein Herz
Thursday, May 24th, 2012 at 00:00

Dieser Moment, an dem die Plastikplanen auf den Festzelttischen von gelangweilten und befangenen Fingern bereits stundenlang perforiert worden sind und plötzlich jemand seinen Löffel im Wasserglas klingeln läßt, unter einem Protest, der so lautstark ist, wie der gute Ton es eben noch erlaubt… und dann erhebt sich niemand, die Arme resolut verschränkt im nunmehr stummen Protest, stühlerückendes Schweigen legt sich über den Saal, bis irgendjemand auf der Stirnseite des Tisches endlich Erbarmen hat und mit einem zwischen Achselhöhle und Hohlhand entweichendem Furzgeräusch die ganze Gesellschaft erlöst: Das ungefähr bin ich, hier und heute.

Ein Toast? Dann halt. Diese Worte sind so gut wie alle anderen, und besser als alles, was ich je selbst schreiben könnte. Ein Toast also, auf jemanden, der meinem Denken und Schreiben einen Arschtritt verpasste, als mich vor exakt zehn Jahren eine Frauenzeitschrift mit ihm bekannt machte, ein Hoch auf jemanden, der mir bis heute regelmäßig Hirn und Herz losstochert, wenn sie in Bequemlichkeiten hängen bleiben, ein Glas an die Wand für ihn, der mich Zynismus zu misstrauen lehrte. Vor Kurzem durfte ich an der Uni an einer Übersetzungsübung teilnehmen, in der wir uns gemeinsam an seinen Texten und seiner Sprache abarbeiten durften… es war Arbeit, aber eine der befriedigendsten, die ich je erleben durfte. Darum, hier und heute ein Toast, auf die Arbeit, auf das Lernen, die mir auch künftig im Nacken sitzen werden wie eine Zecke, die wenigstens den Anstand hat, mir beim Blutsaugen Johnny Boy ins Ohr zu singen: Die Übersetzung einer kurzen, geschlossenen Passage, ausgewählt aus ästhetischen Gründen (und nicht, weil sie irgendwie passend oder, schlimmer noch, symbolisch wäre für irgendetwas heute). Als Geschenk an mich selbst und Mahnung, dass, irgendwo da draußen, jenseits meines Gesichtfeldes, noch Ziele darauf warten, anvisiert und verfehlt zu werden. Take it away:

Vorbei an den Flanellebenen und Teergraphen und der Skyline von umgekipptem Rost, vorbei am tabakbraunen Fluss, behangen von trauernden Bäumen und Pfützen von Sonnenlicht, die auf dem abwärts fließenden Wasser schweben, zum Ort jenseits des Windwurfs, wo unberührte Felder grell brodeln in der Morgenhitze: Mohrenhirse, Gänsefuß, Reisquecke, Stechwinde, Nussgrass, Ackerminze, Löwenzahn, Stechapfel, Fuchsschwanzgras,  Muskattellerrebe, Wirbelkohl, Goldrute, Gundermann, Samtpappel, Nachtschatten, Ambrosia, Flug-Hafer, Wicke, Mäusedorn, invaginierte Ausfallbohnen, die Köpfe nicken in der Morgenbrise, sanft wie die weiche Hand einer Mutter auf deiner Wange. Ein Pfeil von Staren schießt aus dem Reet des Windwurfs. Das Glitzern des Taus, der bleibt, wo er ist, und dampft, den ganzen Tag. Eine Sonnenblume, und noch vier weitere, eine gebeugt, und Pferde in der Ferne, die stocksteif dastehen wie Spielzeug. Alle nicken. Elektrische Geräusche von Insekten, die ihren Geschäften nachgehen. Amber-farbener Sonnenschein und fahler Himmel und Wirtel von Zirruswolken, so hoch, dass sie keinen Schatten mehr werfen. Insekten, ganz Geschäft, die ganze Zeit. Quartz und Feuer- und Tonstein und Schieferungen von meteoritischem Eisen im Granit. Uraltes Land. Sieh dich um. Der Horizont, zitternd, formlos. Wir alle sind Brüder.

Krähen steigen auf, drei oder vier, kein Schwarm, im Anflug, stumm vor Entschlossenheit, kornwärts zum Weidezaun, hinter dem ein Pferd den Hintern des andern beschnuppert, der Schweif des Leitpferds bereitwillig gereckt. Das Markenzeichen deiner Schuhe, eingeprägt im  Tau. Eine Alfalfabrise. Sockenkletten. Trockenes Kratzen  in einem Durchlass. Verrosteter Draht und umgekippte Pfähle, eher ein Sinnbild von Einschränkung als ein Zaun an sich. JAGEN VERBOTEN. Das Sch! der Autobahn von jenseits des Windwurfs. Die Krähen auf der Wiese, schrägwinklig stehend, drehen Pferdeäpfel herum, um an die Würmer darunter zu kommen, die Form der Würmer eingeprägt im umgedrehten Dung, den ganzen Tag lang in der Sonne gebacken und gehärtet, winzige leere Linien in Reihen und eingelassenen Ringeln, die nicht geschlossen sind, weil Kopf nie ganz Schwanz berührt. Lies diese.

David Foster Wallace, The Pale King


				
				
				
				
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