• Christof Zurschmitten

Parabel vom Apfelpflücken


Apokalyptisch-optimistischer TAGEBUCHEINTRAG über die Freuden der Natur und des Wortzes "hutzelig".

Irgendwann werde ich mich zurückziehen, irgendwohin, wo man von mir nichts weiter verlangt, als jeden Tag Äpfel zu pflücken, von morgens 6.30 Uhr bis abends um 18.00 Uhr, eine Stunde Mittagspause eingerechnet, ohne dass es irgendjemanden (mich eingeschlossen) interessiert, ob ich sie einhalte, ja was überhaupt aus mir wird, solange nur die Äpfel nicht mehr auf den Bäumen sind (genau genommen vermutlich selbst dann noch).

Die Äpfel werden golden sein, gross und golden, die pflücke ich, damit daraus dann eine Art Kartoffelbrei gemacht wird, nur eben aus Äpfeln, ein seltsam würziger Brei, der eigentlich ausgezeichnet schmecken würde, obwohl er nach der Ernte in grossen aufeinander gestapelten Kisten gelagert wird, Stapeln, die so hoch in den Himmel ragen, dass man selbst mit einem Fernglas ihre Spitzen nicht mehr erkennen könnte, dort wird der Brei warten, auf irgendeinen grossen Tag, der irgendwann kommen wird, oder auch nicht; gut möglich, dass man vergessen hat, wann genau dieser Tag sein sollte, es wird ohnehin niemand mehr da sein, der sich daran stören könnte.

An den Bäumen werden weitere Äpfel sein, klein, hutzelig, zur Hälfte mit Schimmel bedeckt und dem typisch süsslich-herben Geruch fauler Früchte, der gar nicht so unangenehm ist, wenn man sich an ihn gewöhnt hat (und er nicht zu penetrant wird). An diesen Äpfeln werde ich meine helle Freude haben, schon allein, weil ich sie jeden Tag „hutzelig“ nennen darf, ein wunderschönes Wort, das mich vage an meine Grossmutter erinnern wird, deren Bild aber schon halb verblasst sein wird und bei einem Blick auf meine eigenen Hände, die die hutzeligen Früchte streicheln, wird mir auffallen: Du selbst bist hutzelig geworden, darüber werde ich lachen.

Die kleinen Äpfel aber werde ich mit bunten Wäscheklammern und Kupferdraht an den Ästen fest machen, damit sie nicht von den Bäumen fallen und Nester für die Wespen werden können, Wespen, die mich jeden Morgen freundlich grüssen, dann und wann vielleicht auch stechen, doch ich werde ihnen das nicht übel nehmen. Schliesslich sind sie ja meine Freunde.

Am Abend werde ich mich dann unter die Bäume legen, ein wenig vom Brei der goldenen Früchte essen, den ich mir verbotenerweise abgezweigt habe, und danach in sehr verworrene Träume fallen.

Am Morgen, wenn ich aufwache, habe ich dann vergessen, was ich geträumt habe, auch was am Vortag geschehen ist, aber mit einem Blick auf die prallbehängten Bäume und der Erkenntnis, dass es etwas zu tun gibt, werde ich zufrieden und mit einem Lied auf den Lippen wieder mit meiner Arbeit beginnen.

Aus der Zeit, in der Bewusstseinsströme öfters in derartige Vorstellungen mündeten. Irgendwie mag ich dies immer noch sehr.

#früchte #natur #literarischertext

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