• Christof Zurschmitten

#1 Mom


KURZGESCHICHTE, in der ich, erneut, irgendwann anfangs 20 versucht habe, die Tücken des Älterwerdens und Elternseins zu reflektieren. Den ersten Satz habe ich verbatim so geträumt. Man verurteile mich, wie es mir gebühre.

Auch wenn ich kaum über dreissig war, meine ich, was ich sage, wenn ich behaupte: ich sah gut aus für mein Alter, wie ich da an der Ablage lehnte. Der Stoff des etwas zu engen Shirts spannte über meinen durchaus ahnsehnlichen Brüsten (sie waren nicht grossartig, sondern genau das: ahnsehnlich), aber dennoch hätte der Schriftzug darauf jede Anrede ausser „Mama“ von vornherein verbieten sollen.

Jan trug ein Küchenmesser vor sich her, hinter dem sein spindeldürrer Körper zu verschwinden drohte, und ignorierte diese Tatsache geflissentlich – wenn er überhaupt sprach.

Er sagte nicht viel, und mit einem Anflug von schlechtem Gewissen bemerkte ich, dass ich gehofft hatte, er hätte in der Zwischenzeit sprechen gelernt. Wie immer musste ich ihm die Worte aus der Nase ziehen, und es kam mir zugute, dass ich einige Übung darin hatte. Ich habe nie herausgefunden, ob seine Verschwiegenheit eine Art von Angst war, oder ob er sich aus Rücksicht auf seinen Gesprächspartner so verhielt, um ihn nicht zu langweilen oder zu verletzen.

Jan ist ein guter Junge.

Aber er vermied es, mich als „Mama“ anzusprechen, und so weit ich sehen konnte, war dies die einzige Veränderung, die das erste Jahr im Internat mit ihm angestellt hatte. Gut, er war wohl ein Stück gewachsen (nicht genug, um auf mich herabsehen zu können, dachte ich mit Genugtuung), sein Körper hatte ein wenig von der niedlichen Umständlichkeit seiner Kinderproportionen eingebüsst, und sein Gesicht war spitzer geworden, seitdem ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Doch all das waren Prozesse, Entwicklungen, die sich vermutlich schon lange im Verborgenen angebahnt hatten, und die ich notgedrungen auch zu akzeptieren bereit war – ganz im Gegensatz zu diesem „Rita“, das ihm neuerdings immer öfter über die Lippen kam.

Jans Finger, spitzer geworden auch sie, hielten das grotesk grosse Messer verkrampft, wie immer, seitdem wir entdeckt hatten, dass es tatsächlich etwas gibt, das Jan mir entschieden voraushat: Er kann Zwiebeln schneiden, ohne dabei zu weinen. Dem kleinen Jan, in allen anderen Belangen durchaus ein empfindliches Kind, entlockten die Zwiebeldämpfe keine Tränen, und da ihm diese Arbeit eine erstaunliche Freude zu bereiten schien, überliess ich sie ihm für gewöhnlich.

Ich drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, wusch mir die Hände und machte mich daran, ihm beim Kochen zu helfen.

Ich füllte Wasser in die Pfanne, gab Salz hinein und schaltete den Herd an.

- Weisst du, wenn du das Salz erst dazu gibst, wenn das Wasser schon kocht, geht es schneller...

Mir entging die bemühte Beiläufigkeit in Jans Tonfall nicht. Als er meinen Blick auf sich ruhen spürte, fügte er rasch hinzu:

- ...behauptet zumindest unsere Haushaltslehrerin.

Ich betrachtete seinen schmalen Rücken, die hängenden Schultern, die von meinen Fingern zerzausten Haare, und überlegte, nichts zu erwidern.

- Na, dafür ist es jetzt wohl ein wenig zu spät... Du hast nie erwähnt, dass ihr auch Kochunterricht habt.

Die Schultern hoben sich kaum merklich und fielen wieder. Innerlich hörte ich mich seufzen.

- Und? Ich meine... Wie ist es so? Was kocht ihr denn? Ist die Lehrerin klein und faltig und laut, wie sie es zu meiner Zeit war? Müsst ihr auch immer die Bescherung aufessen, die ihr angerichtet habt? Kochen da Jungs und Mädchen zusammen?

Eine der Taktiken, Jan zum Reden zu bringen: ihn mit so vielen Fragen eindecken, dass er sie unmöglich alle ignorieren kann. Und tatsächlich unterbrach er sein klapperndes Tacktacktack, liess das Messer sinken und schaute mich über die Schulter an.

- Mhm. Alle zusammen, auch wenn die Pfarrer und Nonnen es vielleicht bedenklich finden...

Er schenkte mir ein scheues Lächeln, ich erwiderte es, auch wenn mir irgendetwas in seiner Antwort nicht richtig gefallen wollte.

Die Tomatensauce begann leise zu brodeln, Jan reagierte auf das Geräusch wie auf einen Feueralarm, gab rasch die Zwiebeln hinzu, ich die Gewürze, dann schüttete er die Pasta ins Wasser, während ich mir eine weitere Zigarette ansteckte und mich gegen die Ablage lehnte.

Jan wusste nicht wohin mit seinen plötzlich nutzlos gewordenen Händen. Er nestelte damit in seinen Haaren herum, strich sich über ein Hosenbein, und begann schliesslich, den Tisch zu decken.

Ich startete einen neuen Versuch.

- Und... wie sind die Mädchen denn so? Irgendwas... Lohnenswertes darunter?

Noch eine Taktik im Umgang mit Jan: unbedingtes Anknüpfen an einen bereits erörterten Punkt der Unterhaltung. Er mag keine Gespräche, die auseinander fallen.

Jan stockte nur kurz, bevor er einen zweiten Teller auf den Tisch stellte.

- Weisst du, Rita... die sind ganz okay, nur manchmal ein wenig anstrengend. Aber die Nonnen sorgen schon dafür, dass sie eines Tages zu wunderbaren Ehefrauen und Müttern werden.

Er lächelte mir erneut zu, aber ich konnte sein Lächeln nicht erwidern.

Die Erkenntnis durchfuhr mich wie ein Blitz: War es möglich, dass Jan, der kleine Jan mit seinem immer etwas schiefen Sinn für Humor, der süsse Jan, der selten über etwas zu lachen schien, sondern in seiner liebenswerten Weise immer nur für sich allein, in diesem letzten Jahr so etwas wie einen Sinn für Ironie entwickelt hatte?

Mein Blick fuhr über mein T-Shirt – das ein wenig spannte, weil Jan doch nicht wissen konnte, welche Grösse ich trage – und blieb am Schriftzug hängen; cremiges Rosa auf weissem Hintergrund: No. 1 Mom, und ich vergass, den nächsten Zug von meiner immer noch glühenden Zigarette zu nehmen.

Dieser Text erschien in der Anthologie Talwind. Damals, als "anfangs dreissig" noch unvorstellbar weit in der Zukunft zu liegen schien.

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