• Christof Zurschmitten

Die Poesie der auswegslosen Gewalt


Früher ESSAY zu Park Chan-wooks Vengeance-Trilogie. Nur einer von vielen, vielleicht aber der beste Grund für einen Besuch des NIFFF 2007 ist die Anwesenheit des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook, der sich den Ruf eines der innovativsten und radikalsten Filmemacher dieses Zeit erarbeitet hat. In Neuchâtel wird in einer Retrospektive seines Werks auch die Trilogie zu sehen sein, die massgeblich für diesen Erfolg verantwortlich ist. Grund genug, Parks Rache-Epos einmal in seiner Gesamtheit Revue passieren zu lassen. Ich weiss nicht genau, wie viele Filme ich in den letzten drei, vier Jahren gesehen habe. Vermutlich liegt die Zahl irgendwo im hohen dreistelligen Bereich. Davon dürfte ungefähr ein Fünftel auf Kinobesuche fallen. Und keiner hat sich tiefer im Gedächtnis verankert als jener Abend in Friedrichshain, an dem in einem von DEFA-Geistern heimgesuchten Ostberliner-Multiplex „Oldboy“ gezeigt wurde. Ich kenne noch die Nummer des Saals (5), der Sitzreihe (12) und die Anzahl der ausser mir anwesenden Kinogänger (8). Und ich erinnere mich exakt an den Moment, als der Abspann einsetzte und sich die Kamera zu Walzertakten in den Himmel schraubte, während ich angestrengt überlegte, wie ich dieses Erlebnis für meine Begleitung in Worte fassen soll (entschieden habe ich mich letztlich für ein denkbar profanes „Gott, was für ein grossartiger Film“, das meiner Begeisterung ebenso wie meiner Sprachlosigkeit gerecht werden sollte).

Ich hatte zwei der intensivsten Stunden meines Kino-Lebens hinter mir, war im wippenden Dreiviertel-Takt durch ein Panoptikum widerstrebender Gefühle geführt worden, die von Momenten (seltenen, trockenen) Lachens, tief empfundener Anteilnahme und stupender Überraschung über verschiedene Schattierungen von Verzweiflung, Abscheu und blankem Entsetzen reichten, bis schlussendlich alles in einem seltsamen Erschöpfungszustand gipfelte, der sich mit der Zeit in eine Form von Dankbarkeit wandelte.

Schwärmereien eines realitätsentfremdeten Fanboys, könnte man spätestens an dieser Stelle einwenden. Und läge damit nicht einmal so falsch, wäre da nicht die schiere numerische Beweiskraft all jener, denen es ähnlich ergangen ist: Kaum jemand, der unvorbereitet an einen Teil der Vengeance-Trilogie geriet, und vom Gesehenen nicht nachhaltig aufgewühlt geworden wäre.

Wie der grössere Teil des westlichen Publikums bin ich erst mit dem Mittelteil auf die Serie aufmerksam geworden. Am Anfang stand jedoch ein Film, der „Oldboy“ in der Intensität der Bilder und der Publikumsreaktionen mindestens ebenbürtig ist. Nachdem Park mit dem Politdrama „Joint Security Arena“ (2000), das eine fatale Freundschaft zwischen nord- und südkoreanischen Soldaten in der „neutralen“ Zone zwischen den Staaten zum Thema hatte, erste massive Publikums- und Kritikererfolge in der Heimat (und die ersten Triumphe an internationalen Festivals) feiern konnte, räumte man ihm für seinen nächsten Film grössere künstlerische Freiheiten ein – und Park nutzte sie für einen Film, der nach seiner eigenen Aussage „körperliche Reaktionen hervorrufen und das Publikum auslaugen soll“: „Sympathy for Mr Vengeance“ (2002) erfüllte diese Vorgaben und übertraf sie sogar, wie die Beschreibung einer Vorführung durch die koreanische Filmmacherin Kim Yong-hye anschaulich zeigt:

„In the beginning, the members of the audience (…) whispered among themselves, trying to follow the plot. However, as the movie passed the middle section, all whispers died out and the audience became silent. The silence (…) resulted from the sense of helplessness and confusion among the audience, being saturation-bombed with the images of violence, depicted in painstaking detail on the huge silver screen. When the film was finished, the audience left the theatre silently, deathly pale, as if they were patients who had just undergone particularly excruciating medical treatments.”

Es überrascht wenig, dass Mr Vengeance die titelgebenden Sympathien von Kritiker- ebenso wie von Publikumseite her erst einmal versagt blieben. Erst zwei Jahre später sollte Park mit “Oldboy” schliesslich den internationalen Durchbruch schaffen und auch in der Heimat als Regisseur wieder rehabilitiert werden. Zweifelsohne trug der grosse Preis der Jury von Cannes (notabene unter dem Vorsitz von Quentin Tarantino, der in Park wohl einen Seelenverwandten auszumachen glaubte) sein Scherflein zum Bekanntheits-Boost bei. Unter den Fittichen des dermassen von höherer Warte abgesegneten Nachfolgers konnte denn auch „Mr Vengeance“ retrospektiv als das Meisterwerk erkannt werden, dass es ohne Zweifel ist. Der Film fand Aufmerksamkeit und Lob auch im Westen, und als im Jahr 2005 schliesslich noch „Lady Vengeance“ das Licht der Welt erblickte, konnte sie sich in ein bereits fertig gemachtes Nest setzen.

Eine erstaunliche Karriere für eine Trilogie, die sich ganz und gar den dunkelsten Seiten der menschlichen Natur angenommen hat und sie anhand einer ihrer archaischsten Äusserungsformen verhandelt: der blutigen Rache, die die Charaktere ebenso wenig schont wie das Publikum.

Eine Inhaltszusammenfassung der drei Filme kann bestenfalls als erste Annäherung dienen:

Im Mittelpunkt von „Sympathy for Mr Vengeance“ steht der taubstumme Fabrikarbeiter Ryu (Sin Ha-kyun), der bereit ist, sich bedingungslos für seine todkranke Schwester aufzuopfern. Da er nicht als Spender der benötigten Niere in Frage kommt und auf legalem Weg kein passendes Organ zur Verfügung gestellt werden kann, wendet er sich in bedenklicher Naivität an die örtliche Organ-Mafia - und wird von dieser in jedem Sinn des Wortes ausgenommen. Von äusserster Verzweiflung getrieben lässt er sich von seiner Freundin, einer Kampfparolen brabbelnden selbst erklärten Terroristin (Bae Du-na) beschwatzen: Die Tochter des reichen Unternehmers Tong-jin (Song Kang-ho) soll entführt und danach unversehrt zurückgegeben werden, um mit dem erpressten Lösegeld die Operation von Ryus Schwester zu finanzieren. Aber alles, was eine Wendung zum Schlimmen nehmen kann, nimmt eine noch schlimmere, und lässt am Ende mehr als nur eine vom Wunsch nach Rache zerfressene Gestalt zurück.

Oh Dae-su (Choi Min-sik), ein impulsiver, aber in jeder anderen Hinsicht unauffälliger Geschäftsmann und Familienvater, ist die Hauptfigur von „Oldboy“. Eines Nachts wird er entführt und in eine möblierte Einzimmerzelle gesperrt. Es wird die nächsten 15 Jahre darin verbringen, abgeschnitten von jeglichem menschlichen Kontakt und in vollständiger Ungewissheit über die Identität und Motivation seiner Entführer. Als er eines Tages aus ebenso unerklärlichen Gründen wieder frei gelassen wird, ist sein Bewusstsein zusammengeschrumpft auf das alles beherrschende Bedürfnis, seine Peiniger zu finden und zu bestrafen. Aber nach und nach muss Dae-su feststellen, dass seine Gefangenschaft mit der Entlassung aus der Zelle noch nicht beendet ist.

Zur „Lady Vengeance“ wird dLee Gum-ya (Lee Yeong-ae), die sich als 19-jährige schuldig an der Ermordung eines Kindes bekannt hat und nun nach 12-jähriger Haft wieder frei gelassen wird. Im Gefängnis hat sie sich durch ihr vorbildliches Verhalten den Beinamen „die herzensgute Lee Gum-ya“ erarbeitet (so auch der Originaltitel des Films), aber schon in den ersten Minuten wird klar, dass sie diese Herzensgüte mit den Gefängnismauern hinter sich gelassen hat: Angetrieben von – richtig – purer Rachsucht beginnt sie, die Fäden zusammenzuführen, die sie während den letzten 12 Jahren sorgfältig ausgelegt hat, um den Mann zur Rechenschaft zu ziehen, der sie damals in ihre Lage brachte.

Eine solche Rundumschau läuft Gefahr, mehr Missverständnisse zu provozieren als Klärung zu schaffen. Die Unterschiede zwischen den Filmen scheinen geringer, als sie tatsächlich sind, und deutlich wird in erster Linie nur, was die Titel der Filme bereits verraten: Dass ihr gemeinsames Moment das Motiv der Rache ist.

Natürlich ist dies nicht originell, und Park ist sich durchaus der jahrtausendealten Tradition des Motivs insbesondere in der westlichen Fiktion bewusst: Zu seinen Vorbildern zählt er unter anderen Sophokles, Shakespeare und Dostojewski. Tatsächlich steht die Behandlung des Rache-Themas in der Vengeance-Trilogie den literarischen Vorbildern in mancher Hinsicht näher als der cinematischen Tradition. Wo diese - etwa im Western, im Eastern und auch in vielen asiatischen Gangster-Filmen - häufig den ideologisch bedenklichsten und einfachsten Ausgang nimmt und in eine Form der Katharsis mündet ("Kill Bill" des bereits erwähnten Tarantino kann als späteres Kronbeispiel herangezogen werden), machen es Parks Filme weder den Charakteren noch dem Zuschauer derart einfach. Nicht nur, dass jeder der drei Filme unterschiedliche Facetten der dunklen Thematik ausleuchtet; alle Teile setzen sich auch für sich allein genommen in differenzierter Weise mit ihrem Hauptmotiv auseinander. Das Attribut "episch" ist deshalb durchaus angebracht, nicht, um die Trilogie überflüssigerweise in hochkulturelle Sphären zu heben, sondern um auf die Tradition hinzuweisen, in die sie sich stellen. Gerade in "Sympathy for Mr Vengeance" versperrte die unverhohlene Darstellung der Gewaltakte aber den Blick auf diese Vielschichtigkeit. Ein vorwurfsvoller Ton schwingt unüberhörbar auch im obigen Zitat mit, aber er entspringt offensichtlich einem Missverständnis.

Die von Kim geschilderten heftigen Ablehnungsreaktionen sind nämlich nur mittelbar dem Bombardement durch Bilder der Gewalt geschuldet. Tatsächlich kommen einige der grausamsten Szenen gerade nicht zur Abbildung, sondern werden durch eine kluge Montage, den Einsatz von Soundeffekten und die sprechende Mimik der Augenzeugen, die im Close-up tatsächlich in "painstaking details" gezeigt wird, nur angedeutet. Ähnlich wie in Takashi Miikes "Ichi The Killer" wird so der Zuschauer zum eigentlichen Täter, wenn er in seinem Kopf die ergänzenden blutigen Bilder selbst entwickelt (ein Verfahren, das in den späteren Teilen der Trilogie noch ausgeprägter zum Einsatz kommt). Was das Anschauen von "Sympathy for Mr Vengeance" letztlich so auslaugend macht, ist darum nicht die Rache, sondern die Sympathie.

Die grosse Leistung sowohl des ersten Teils der Trilogie wie auch "Oldboys" ist die Menschlichkeit, mit der die Charaktere gezeichnet, und die Brillanz, mit der sie von ihren Darstellern verkörpert werden. Das Publikum wird beinahe zwangsläufig dazu verleitet, am Schicksal der ProtagonistInnen Anteil zu nehmen, selbst dann noch, wenn die Hauptfigur wie in "Sympathy for Mr Vengeance" inmitten des Films unvermittelt wechselt. Grund dafür ist, dass es in Park Chan-wooks Filmen zwar zahlreiche Gewaltakte von gnadenloser Brutalität gibt; aber es gibt keine Monster oder Psychopathen, die als Personifikation des reinen Bösen dafür verantwortlich gemacht und folglich vom eigenen Gefühlshaushalt ausgeschlossen werden können. Es gibt nur radikal unglückliche Menschen (im doppelten Sinne sowohl von „glücklos“ als auch „traurig“), die von einem über allem thronenden Fatum ins Verderben getrieben werden, sobald sie versuchen, sich dagegen aufzulehnen. Jede ihrer Entscheidungen ist falsch, und was die ersten beiden Teile der Rache-Trilogie so grausam macht, ist nicht die physische und psychische Gewalt, die den Charakteren angetan wird, sondern die Konsequenz, mit der Park seinen Protagonisten von allem Anfang an jeden vermeintlichen Ausweg aus ihrem Schicksal zumauert, und nur darauf wartet, dass sie sich die Köpfe an diesen Mauern blutig rennen. Man muss lange suchen, um eine vergleichbare bis zum bitteren Ende durchgezogene Verweigerung jeglichen Glücks zu finden (und wird höchstens noch bei Todd Solondz fündig, dessen bittere Dekonstruktion der amerikanischen Gesellschaft oft selbst wie ein persönlicher Rachefeldzug anmutet und bei allem Humor nicht selten ans schmerzhaft Zynische grenzt.)

Was die Vengeance-Trilogie vor Zynismus und Nihilismus rettet, ist neben der Menschlichkeit, mit der die Figuren gezeichnet werden, auch die parabelhafte Natur der drei Filme. Als wichtigsten Einfluss auf seinen Zugang zum Filmemachen nennt Park Chan-wook den oft genug zum Vorbild gemachten Kafka, aber Park scheint den Schriftsteller aus Prag besser verstanden zu haben als viele seiner Kollegen. Die Irritation und Faszination in Kafkas Werken entspringt schliesslich nicht zuletzt der Endgültigkeit, mit der sich seine Figuren in ein nicht selten absurdes Schicksal einzufügen bereit sind. Die Familie Samsa suchen nie nach den Gründen für Gregors Verwandlung, ebenso wenig wie Joseph K. jemals die Legitimität des gegen ihn in die Wege geleiteten Prozesses in Frage stellt. Auch Parks Filme werden nur richtig verstanden, wenn sie als Experimente betrachtet werden, in denen Menschen in Extremsituationen geworfen werden, damit ihre (allzu menschlichen) Reaktionen beobachten werden können. Wo aber Kafkas Texte gerade durch die Anerkennung ihres Gleichnisstatus' vor dem Vorwurf des Nihilismus geschützt sind, ist die Vengeance-Trilogie gefährdeter: Sei es, weil die Menschlichkeit seiner Charaktere (im Gegensatz zu den "blanken" Figuren Kafkas) die ihnen angetanen Unbilden als unerträglich erscheinen lassen, sei es, weil der Film als visuelles Medium eine grössere "Authentizität" als die Literatur aufweist. Auf jeden Fall kann man nicht behaupten, dass Park sich mit Hinweisen auf den irrealen Charakter seiner Filme zurückhalten würde. Schon "Sympathy for Mr Vengeance" ist gespickt mit Elementen, die eine "realistische" oder "naturalistische" Interpretation eigentlich unterlaufen müssten: Neben der Unwahrscheinlichkeit mancher Handlungselemente ist es vor allem die visuelle Ebene, die Irritationen bereithält: Die Überbetonung der Farbe Grün (nicht nur in den Haaren Ryus), der Einsatz von Filtern, die Platzierung absurder Details in den Sets, und nicht zuletzt die fast schon pittoresk, oder poetisch zu nennende Inszenierung mancher Gewaltakte. So offensichtlich diese Punkte einem aufmerksamen (oder einem darauf hingewiesenen) Zuschauer erscheinen mögen, so bereitwillig wurden und werden sie aber angesichts der einnehmenden Handlungsebene dennoch ignoriert. Vermutlich als Konsequenz daraus hat Park die grenzreale Natur in den späteren Filmen stärker betont: Wo in "Sympathy for Mister Vengeance" die Kamera meist statisch ist und sich die Charaktere auf Distanz hält, ist sie in "Oldboy" ständig in Bewegung, umkreist ihren Anti-Helden Oh Dae-su und macht dadurch bewusst, dass er unter ständiger Beobachtung steht. Der stärkere Einsatz von CGI-Effekten und die Einbindung von Traumsequenzen sind nicht nur Beweise für ein erhöhtes Budget, sondern auch für Parks Bemühen, nicht wieder falsch verstanden zu werden. In "Sympathy for Lady Vengeance" schliesslich hat sich die Parabel vollends zum (schwarzen) Märchen gewandelt, die CGI winkt dem Zuschauer allenthalben selbstbewusst entgegen, die Farbgebung erinnert mehr an Schneewittchen denn an Realismus, und auch der Humor ist zum ersten Mal alles andere als subtil.

Es ist diese Ebene, auf der sich "Lady Vengeance" als Abschluss einer konsequenten Entwicklung erweist. Gleichzeitig ist der Preis des neuen Augenzwinkerns hoch: Die Kritik ist sich einig, dass "Lady Vengeance" der am wenigsten gelungene Teil der Trilogie ist, und im Klartext heisst dies in erster Linie: der am wenigsten eindringliche. Ästhetisch ist er auf einem ebenso hohen Niveau wie seine Vorgänger, aber wo die Anteilnahme des Zuschauers fehlt, wirkt manches davon wie Augenwischerei. Mitschuldig daran ist die Tatsache, dass Lee Guem-ja als die einzige der drei Hauptfiguren selbst über ihr Schicksal bestimmt (die feministische Filmforschung darf sich ihren Teil dazu denken). Wo die Charaktere in "Sympathy for Mr Vengeance" zielstrebig in ihr Verderben hineinrennen und Oh Dae-su wenigstens über weite Strecken des Films noch das Gefühl hat, die Dinge unter Kontrolle zu halten (bis ihm schliesslich mit aller Härte das Gegenteil bewiesen wird), agiert ihr weibliches Pendant zu (fast) jedem Punkt des Films souverän planend. Wie einer Wiedergeburt von Dürrenmatts alter Dame gelingt es ihr, als Spinne in einem Netz filigraner Pläne ihre Beute so lange zu bestricken, bis sie ihre Rache bekommt. Wo sich die Geschichte in „Oldboy“ und „Sympathy for Mister Vengeance“ in Spiralbewegungen immer tiefer zur Katastrophe hinabschraubt, entwickelt sie sich in „Sympathy for Lady Vengeance“ in Kreisen, die immer grösser werdend von Guem-ja ausgehen, bis als Höhepunkt endlich die Erlösung steht – als einziger der drei Hauptcharaktere führt für Miss Vengeance die Rache zu einer Form der Katharsis (die aber auch nicht völlig frei von Brüchen ist). Indem Park dem Zuschauer durch die Überstilisiertheit des Films die Identifikation gerade in dem Film verwehrt, dessen Rachekonzeption den Sehgewohnheiten am ehesten entspricht, umgeht er natürlich bewusst wieder die Fallstricke der Genrekonventionen. Aber die Art der Irritation ist eine gänzlich andere: In den ersten Filmen war sie eine "verinnerlichte" für das Publikum, dass sich hin- und hergerissen fühlte zwischen dem mitgefühlten Wunsch, einem "unzivilisierten" Gefühl wie der Rache nachzugeben und dem Wissen um die Sinnlosigkeit dieses Wunsches, das Park in meisterhafte Weise immer mittransportiert. In "Lady Vengeance" dagegen ist die Verfremdung eine postmoderne, die eher die Sinnlosigkeit des Erzählens von Rache denn der Rache selbst zu thematisieren scheint (die vermehrten Rückbezüge auf die beiden Vorgänger unterstreichen noch zusätzlich den "Metastatus" des dritten Films). Als Endpunkt einer drei Filme währenden Entwicklung macht dies durchaus Sinn. Aber dadurch wird "Lady Vengeance" auch zum einzigen Teil der Trilogie, der eine grössere Existenzberechtigung im Verbund denn als eigenständiges Werk hat. Wer nicht darauf verzichten will, eine der intensivsten Erfahrungen zu machen, die das zeitgenössische Kino zu bieten hat, ist darum gut beraten, den Einstieg in Park Chan-wooks Welt über einen der anderen beiden Filme zu suchen.

Dieser Text erschien ursprünglich auf nahaufnahmen.ch, in der Zeit der grossen Begeisterung.

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