• Christof Zurschmitten

Horror Vacui


KRITIK von "Yella", in dem Christian Petzold B-Movie-Klassiker mit der ostdeutschen Wirtschaftskrise zusammenführt. Und damit den ultimativen Horrorfilm für die Generation Praktikum schafft. In Christian Petzolds "Die innere Sicherheit", waren es die Mitglieder der RAF, die von der Geschichte überholt und überfahren eine Schattenexistenz in einer Welt führten, in der sie längst jeden Platz verloren hatten. Im nur lose verwandten Nachfolger "Gespenster" waren es die persönlichen Geister der Vergangenheit, die die Protagonistinnen nicht loslassen wollten. In "Yella" schliesslich geht das Gespenst der deutschen Wiedervereinigung um:

Die namensgebende Heldin (an der Berlinale ausgezeichnet als beste Darstellerin: Nina Hoss) ist eine jener Existenzen, die vom versprochenen Aufschwung Ost übergangen wurden: Yella will, Yella muss aus ihrer Heimat Wittenberge flüchten, einer kleinen ostdeutschen Stadt, die ihren resignierten Einwohner keinerlei Zukunftsperspektiven bieten kann. Der Ausweg führt in den Westen: Sie hat eine Anstellung gefunden, drüben, in Hannover. Doch als sie abreisen will, wird sie auf dem Weg zum Bahnhof in einen Unfall verwickelt, den sie seltsam unbeschadet übersteht. Schaden nehmen allerdings ihre Träume, kaum ist sie im Westen angekommen: Die Firma, bei der sie unterkommen sollte, hat Insolvenz angemeldet, und gerade als Yella notgedrungen zurück zu ihrem alten Leben kehren will, lernt sie den Risikokapitalgeber Philipp (Devid Striesow) kennen. Er macht sie zu seiner Assistentin und führt sie in die zwielichtige Welt des Grosskapitals ein. Als sich auch noch eine Liebe zwischen den beiden anbahnt, scheint Yella am Ziel - wären da nicht jene Einbrüche der Vergangenheit, die in immer bizarreren Formen ihre neue Existenz zu (zer-)stören drohen. Zeit für Nebensächliches Christian Petzold hat seine Filmsprache gefunden: Wie andere Vertreter der so genannten "Berliner Schule" übt er sich in nüchternen Bildkompositionen (in "Yella" wie in den meisten seiner Filme festgehalten von der Kamera Hans Fromms) und entschleunigt das Erzählen auf ein Tempo, das sich und seinen Schauspielern Zeit lässt - Zeit für subtile Bewegungen, Veränderungen des Gesichtsausdrucks, der Körperhaltung, die ganze Seiten an Dialog ersetzen können. Wenn bei Petzold dennoch geredet wird, bleibt Platz für Humor, für alltagsnahe Gespräche, aber es fällt nicht ein unnötiger Satz. Verstehen Regisseur und Schauspieler ihr Handwerk, dann kann dieses "Show, not tell!"-Prinzip auch aus scheinbar nebensächlichen Szenen eine enorme Tiefe hervorfördern. Christian Petzold versteht sein Handwerk ohne Zweifel, nicht umsonst gilt er als eine der Leitfiguren der Berliner Schule. Mit dieser Sicherheit im Rücken konnte er sich mit "Yella" - unter Beibehaltung aller formalen Tugenden - an ein abenteuerliches Projekt wagen: Er nimmt die Rahmenhandlung von Herk Harveys B-Movie-Klassiker "Carnival of Souls", einer gelungenen Meditation über den Tod im Kleid eines Kult-Horrorfilms, und verknüpft es mit einer dokumentarischen Sensibilität für die Missstände der zwischendeutschen Wirtschaftsmalaise. Ungewöhnlich ist für Petzold nicht die Ahnlehnung an die Popkultur im Allgemeinen und das Genre-Kino im Besonderen - in "Die innere Sicherheit" zitierte und dekonstruierte er etwa das Road Movie -, sondern die Spannweite der Einflussfaktoren. Wie gelungen die Vermählung von quasi-dokumentarischer Strenge und B-Movie-Zitaten letztlich wirkt, hängt stark von der Disposition des Zuschauers ab. Zielgruppenhorror Denn einerseits kann man "Yella" erfahren als handwerklich zwar makellose (zumindest in diesem Punkt dürfte man sich einig sein), aber letztlich auf hohem Niveau scheiternde Fingerübung, als Reigen unterkühlter Bilder, der unnötig aufgespreizt wird zwischen zwei zu weit auseinander liegenden Polen. In diesem Fall muss "Yella" manieriert wirken, wie eine Reissbrett-Konstruktion, die ihr Ideen-Skelett nie mit Fleisch drapieren kann. Die Figuren fördern diese Sichtweise, indem sie kaum emotionale Anknüpfpunkte bieten, sie sind seltsam blank, die Welt, die sie bewohnen, bleibt unnahbar, leer, mit einem Wort: Seelenlos.

Doch genau hier setzt die zweite Sehweise an, in der aus „Yella“ ein hochgradig beklemmender Horror-Film wird. Den Kern relevanter Horrorgeschichten bilden bekanntlich seit jeher reale Ängste, Missstände und Probleme; und "Yella" findet in dieser Hinsicht im Land von Hartz IV, 1-Euro-Jobs und der wirtschaftbedingten Entvölkerung und Vergreisung ganzer Städte einen fruchtbaren Boden bereitet. In Petzolds Film gibt es keine scare tactics, keine Blutfontänen - und dennoch ist eine latente Bedrohung schon fast greifbar allgegenwärtig: In Form von Existenzangst, von Furcht davor, in die Bedeutungs- und Arbeitslosigkeit absinken zu müssen. Das macht "Yella" zu einem Horrorfilm sui generis, der in seiner formalen Strenge Freiräume schafft, die der Zuschauer mit seinen eigenen Ängsten füllen kann, oder besser muss.

Dass Petzold erstmals auch Momente des Fantastischen in einen Film einbaut, ist da eigentlich zweitrangig. Bereits der Verweis auf "Carnival of Souls" nimmt nämlich eine Pointe vorweg, die nicht als Überraschungsmoment gedacht sein kann: Yella ist mit ihrem Autounfall in eine Zwischenwelt geraten, in die ebenfalls aus der Pop-Kultur hinreichend bekannte twilight zone. Die Welt des Risikokapitals, die überzeichnet inszeniert wird als riskantes Spiel, als Schlachtfeld der gegenseitigen Übervorteilungsversuche, bleibt deshalb letztlich diffus, unnahbar, traumgleich in jedem Sinn. Petzold bedient sich in eindrücklicher Weise vor allem des Tons (unbedingt im Kino oder mit Kopfhörern ansehen!), um Brüche und Störungen einer Realität anzudeuten, die für Yella nie real werden kann. In dieser seelenlosen Atmosphäre agiert Nina Hoss entsprechend somnambul und lässt in jedem (Augen-)Blick, in jedem Schritt und jeder Geste spüren, dass diese Yella sich und der Welt um sich unsicher ist. Yella ist verloren, eine lost soul, und sie ahnt es, auch wenn sie es sich nicht eingestehen kann. Sie sucht nach einem Platz in der für sie neuen Welt, nach einem Auskommen und einem Heimkommen, und öffnet doch nur unausweichlich dem Unheimlichen Tür und Tor. Yella lädt nicht als Figur zur Identifikation ein, sondern als Sinn-Bild für die allgegenwärtige Bedrohung durch das Scheitern in einem sie überrollenden System. Vielleicht kann den Horror dieses Films tatsächlich nur empfinden, wer sich selbst einmal in einer ähnlichen Lage befunden, beziehungsweise (in einer Form vorauseilender Existenzangst) zumindest darin imaginiert hat.

Man darf von Petzolds filmgewordenem Bekenntnis zur Konstruiertheit also halten was man will. Wenigstens kann man ihm die Leistung nicht absprechen, zum ersten Horror-Film der Hatz IV-Empfänger und Generation Praktikum geworden zu sein - wenn man so will.

Dieser Text erschien ursprünglich auf nahaufnahmen.ch.

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