• Christof Zurschmitten

Durch die Hölle. Kein Zurück.


KRITIK der DVD-Ausgabe der legendären 'Sasori'-Reihe, geschrieben mit Alexander Sigrist und jugendlichem Leichtsinn. Zugleich ein Thriller, ein Rollenspiel und Tanz auf Messers Schneide von Exploitation-Verteidigung und -Reproduktion. Oder so.

Monat für Monat zapfen die Macher von nahaufnahmen.ch ihre Arterien an, um mit Herzblut Texte für den Leser zu schreiben, der darin einen flüchtigen Blick auf des Kritikers wunderschöne Seele erhaschen möge… doch wo vordergründig Harmonie herrscht, da dräunen hinter den Kulissen Zwist und Zwiespalt. Was nützt dem Narren sein reines Gewissen, wenn er für seine Dienste an der Herrin Wahrheit letztlich doch einen grimmen Tod sterben muss? War es Blindheit, war es Unbedarftheit oder gar lästerliche Hybris, die Alexander Sigrist und Christof Zurschmitten „The Assassination of Jesse James by The Coward Robert Ford“ in die Liste ihrer persönlichen Kinohighlights 2007 aufnehmen liess? Doch Gründe zählen nicht, wo Bosheit ein eisernes Regiment führt. Und so versteckte Chefredakteur Lukas Hunziker seinen Missmut über den Lobpreis eines für ihn unerträglichen Machwerks gemeinsam mit seinen darein Wurzeln schlagenden diabolischen Plänen hinter der ehernen Maske des leidlich amüsierten Patriarchen. Vorerst. Denn kaum hatten A&C ihren Dienst an der Menschheit ein weiteres Mal untertänigst verrichtet und ihre Februar-Rezensionen dargereicht, glitt das Lächeln von des Chefredaktoren Gesicht. Mit eiserner Faust packte er die Untergebenen, die sich ungeheuerlicher Weise angemasst hatten, sein unfehlbares Geschmacksurteil in Frage zu stellen, im Genick und warf sie durch das ungeöffnete Fenster des nahaufnahmen.ch-Heims für mittellose Kritikerexistenzen hinaus, auf die Strasse. Benommen, geschunden, ihrer Menschenwürde, ihres Rückhalts und einzigen Stütze beraubt, zogen A&C heulend und zähneknirschend durch die Gassen, ernährten sich von streunenden Hunden und fauchten den Passanten ihren fauligen Atem entgegen. Nicht lange, und ihr Treiben erregte die Aufmerksamkeit der patrouillierenden Schmutztruppen, die nach dem historischen Wahlsieg der SVP aufgestellt worden waren, um sich der „Unsauberen Flecken auf der reinen Seele der Nation“ anzunehmen. Unter Schlagstockhagel und Hundegebiss wurden Alexander und Christof, Christof und Alexander, zu Boden und fast zu Tode geprügelt und unter dem Schutzmantel der Bewusstlosigkeit abtransportiert, der sich gnädigerweise irgendwann über ihnen entfaltete.

Als sie wieder zu sich kamen und die schwere Dunkelheit weggeblinzelt hatten, erkannten sie sich in einer fauligen Gefängniszelle liegend wieder, bekleidet nur mit einem körperbetonten, bodenlangen Streifenkleid. Der Instinkt, nicht der Verstand war Gebieter der Bewegung, die ihrer beider Hände noch im Nebel der Orientierungslosigkeit ihre Rücken entlang fahren liess – und ihnen den Atem wiedergab: Was auch immer ihnen angetan worden war, wer auch immer dafür zur Rechenschaft gezogen werden musste – ihren Schatz hatte man nicht entdeckt. Ein gackerndes Lachen entstieg der Kehle des Arthouse-Kenners, dumpfe Töne tierischen Glücks entwichen dem Sleazefilm-Fan: Man hatte ihnen ihre Würde nehmen können, ihr Menschsein, doch nicht die Silberscheiben, die sie dem Chefredakteur unbemerkt noch im letzten Gebalge um den Erhalt des Arbeitsplatzes hatten vom Schreibtisch stehlen können. Diese Trophäen, die Alexander und Christof, Christof und Alexander, je zwei der eine, je zwei der andere, im einzig sicheren Ort, der ihnen nach dem Verlust aller Dinge noch geblieben war, versteckt gehalten hatten – sie waren noch da, ihnen zum Trost, wo kein Trost mehr hätte bleiben dürfen. Die folgenden Tage, Wochen, Monate waren hart für A&C, hart durch die Schindereien der Wächter, unerträglich durch die Arbeiten, die ihnen abgetrotzt wurden und ihre Knochen ächzen liessen, brutal in den unausgesetzten Attacken der Mitgefangenen, verschüchterte Existenzen wie sie selber, die ihren sinnlosen Zorn gegen die Mauern um sich herum ausliessen an den Menschen zwischen diesen Mauern. Doch unerträglicher noch war das Wissen um die Nähe dieser Scheiben, die wie das Versprechen auf eine bessere Zukunft, oder wenigstens einige unbeschwerte Minuten-Bruchstücke davon, sie bei jedem Schritt daran gemahnten, welch sinnlose Existenz sie doch an ihrem Aufbewahrungsort fristeten. Doch dann, in einer Nacht, so undurchdringlich, dass der Gott der Dunkelheit selbst sie ihnen geschickt haben musste, als lächerlichen Obolus für die Finsternis, die ihr Leben war, stolperte ihr Aufseher auf den Stufen ihrer Zelle und blieb regungslos liegen. A&C, erhoben sich, mit einer Geschwindigkeit, die den Martern, die ihre Körper über sich hatten ergehen lassen müssen, Hohn sprach, und rasten in besinnungsloser Entschlossenheit voran, geleitet vom einzigen Instinkt, der je stark genug gewesen war, um in ihnen zum Trieb anzuwachsen: Mit fliegenden Schritten und traumwandlerischer Sicherheit gelangten sie in einen kleinen Raum, in dem zwei Wächter erschreckt von einem zerschlissenen Ledersofa aufzuspringen versuchten, nur um noch im Ansatz der Bewegung von Alexander und Christof, Christof und Alexander, mit einem einzigen schnappenden Faustschlag gegen den Kehlkopf aus dem Dienst und Leben entlassen zu werden. Sekunden dehnten sich zur Ewigkeit, als das Sofa, ein Schreibtisch und ein ekstatisch vor sich hinröchelnder Kaffeeautomat zur Tür-Barrikade und der Aufenthaltsraum schliesslich zur Trutzburg wurde.

Noch immer diktiert ihr Nerd-Hunger, den sie innerlich wie ein trotziges Balg nölend nach Fütterung schreien hören, jede ihrer Bewegungen, als Alexander eine der Scheiben aus ihrem Verwahrungsort nimmt, sie in den Player einführt, während Christof das LCD-Display des Fernsehers auf die richtige Frequenz stimmt, und endlich, endlich ihre Seele Linderung erfährt. CHRISTOF: Gott. ALEXANDER: Endlich. C: Ich weiss nicht, wie lange ich das noch hätte mitmachen können. A: Jau. Gib mir mal nochmal die DVDs. Christof reicht Alexander die vier DVDs. Dessen Augen gleiten bewundernd über die verschiedenen Covers, die viermal auf je andere Weise dieselbe Frau zeigen. Eine Frau, deren Name Rache ist. C: Meiko Kaji. Geboren 1947. Ist aber erst in den siebziger Jahren berühmt geworden. Als sie einen Vertrag beim Nikkatsu-Studio unterschrieben hat. Da ist sie aber nicht lange geblieben, da das Studio relativ schnell ins Genre des pinku eiga (seine Finger malen Anführungszeichen in die Luft) eingestiegen ist… A: Softpornos! Eine Schande aber auch, dass sie da nicht mitmachen wollte… Alexanders glänzende Augen hängen immer noch am Antlitz der Frau auf den DVDs. C:…und hat dann bei Toei einen Vertrag unterschrieben. Da hat sie den Regisseur Shunya Ito getroffen, welcher sie überredet hat, in dem Gefängnisfrauenfilm „Sasori: Scorpion“ mitzuspielen, und… A: In welchem sie sich dann doch nackig gemacht hat. C: Würdest du bitte davon absehen, meine Rekapitulation der entscheidenden Fakten zu unterbrechen? Mach lieber Kaffee, oder so. …auf jeden Fall ist sie mit dem Film über Nacht bekannt geworden, was drei Fortsetzungen nach sich zog. Alexander steht, während Christof sein Wissen kundtut, auf und geht zur röchelnden Kaffeemaschine, wo er, nach einigem Knöpfedrücken, eine Tasse mit einer schwarzen, heissen Flüssigkeit befüllt, die etwas zu dick für einen Kaffee zu sein scheint. C: Auf jeden Fall wurde die Gute über Nacht zum japanischen Star. Bevor sie dann schliesslich Ende der Siebziger in „Lady Snowblood“ endgültig unsterblich wurde. Ein Film wiederum, den der amerikanische Regisseur Quentin Tarantino in geradezu vollendeter postmoderner Form als Matrix für sein opus magnum „Kill Bill“… A: Erneut durchgenudelt hat, schon klar, schon klar. Aber wann kommt das mit dem Sleaze? C: Wann kommt was? A: Sleaze! „Sasori“! Gleich Sleaze. Das Ding ist dreckig, schäbig. Nix, was du mit der ganzen Familie schauen würdest, keine DVD, die du deiner Freundin zum züchtigen Rumbusserln zeigst. Nackte Brüste, Alter! Unterdrückung! Sex, und Gewalt, in rauen Mengen! Um seine Aussage zu stützen, zieht Alexander eine Postkarte hervor, die mirakulöser Weise irgendwo zwischen den DVD-Hüllen noch Platz gefunden hat. Die Postkarte zeigt zwei Frauen, eine oben ohne, die andere kniend vor ihr. Offenbar ein Liebesspiel. C: Und das ist, wo du falsch liegst, lieber Alexander. Christof bewaffnet sich mit dem Poster, das (ebenso unerklärlicher Weise) zwischen seinen beiden Silberlingen versteckt bleiben konnte. Auf der Rückseite ist das Poster eng beschrieben, mit tausenden von Worten, aufs Papier berufen, um den tieferen Sinn „Sasoris“ zu beweisen. C: „Sasori“ ist Arthouse (Anführungszeichengeste). Es ist nur eine Frage der Zeit, bis einer der Programmverantwortlichen des hochlöblichen Senders „Arte“ das bildungshungrige Bürgertum damit beglücken wird. Entblösste Büsten, Eruptionen aggressiver Natur, nichts davon findet sich in diesem Film ohne tieferen Sinn… A: Das ist ein Frauenknast-Streifen! Drei-Akt-Struktur bedeutet da noch, dass ein Wächter und eine Gefangene knattern, während der Direktor sabbernd daneben steht! Da geht’s darum, möglichst viele Vorwände dafür zu finden, nackte Haut und Sex zu zeigen! Und dann, bamm, Schluss, aus, Happy End. So wird’s laufen, mein Freund. C: Arthouse! A: Sleaze! C: Arthouse!! A: Sleaze!!!

In der Ferne ist derweil geschäftiges Trappeln zu vernehmen, Schritte nähern sich der Tür, entfernen sich wieder unbemerkt. Christof schüttelt den Kopf. Dabei fällt sein Blick auf die Menüschleife der DVD, die nun schon geraume Zeit vor sich hinschlenkert, unbeachtet. Das soll nicht länger sein: mit einer schnappenden Handbewegung zückt Christof die Fernbedienung – zum Erschrecken Alexanders, der seine Kaffee-Teer-Mischung fluchend verschüttet – und presst gefühlvoll die Enter-Taste. Es geht los. Zwei Frauen rennen durch eine Sumpfgraslandschaft. Sie tragen Gefängniskleidung, sie sind müde. Die eine stolpert, offensichtlich unter Schmerzen. Blut läuft über ihr Bein. Die zweite Frau, Sasori, hilft ihr wieder auf die Beine. Sie sei nicht verwundet, klärt Sasori die andere Frau auf, sie bekomme nur ihre Periode, die sie im Gefängnis nicht hatte.

C: Ha! Christof klopft triumphierend auf das Poster in seiner Hand. C: Mit dem Autoren dieser Zeilen möchte ich darauf hinweisen, dass diese Szene bereits das eigentliche Verhältnis zwischen Mann und Frau und den Stellenwert von intimen, sexuellen Umständen zeigt. Nami, die zweite Frau, kriegt ihre Periode sofort nachdem sie aus dem Gefängnis geflohen ist. Warum? Selbstverständlich, weil das Gefängnis eine patriarchale Ordnung repräsentiert, in der die Frauen Objekt maskuliner Repressionen sind. Diese gehen soweit, dass sogar organische Prozesse, wie die Menstruation, gehemmt werden. Die totale Oppression, symbolisiert in einem einzigen, genialen, konzisen Tableau. A: Ich sehe nur Blut. Stille kehrt zwischen den beiden Sehenden ein, während der Film seinen Lauf nimmt, mit. einer Szene, in der unzählige nackte Frauen eine Art Hindernisparcour, etwas was eher an eine Theaterkulisse erinnert, denn an ein Gefängnis, überqueren müssen, beobachtet von Wärtern, die grinsend ihre Schlagstöcke in den Händen reiben. A: Naaackte Schnecken! C: Oppression! Gesellschaftskritik! Schweigen kehrt ein, das plötzlich eine neue, dunkle Qualität einnimmt: Sasori, von ihren Peinigern gefesselt, auf dem dreckigen Boden liegend, wird von mehreren Wärtern mit ihren Schlagstöcken bedrängt und schliesslich vergewaltigt. A: Ha! Da siehst du es. Arthouse? Von wegen! Das ist eine Vergewaltigung, eine brutale, dreckige, gleich sleazige Szene. Nix Kunst, Exploitation! C: Aber siehst du den die Schlagstöcke nicht? A: Muss ganz schön wehtun. C: Aber nein, Phalli! Phalli! Die Materialisierung patriarchaler Gewalt! A: Phalli!? Wirst du gleich auch noch den Kopf zu rollen beginnen und Erbsensuppe spucken oder hat dich der Geist des alten Siegmund wieder frei gegeben? Das sind Bullen, was sollten die denn sonst benutzen als Waffen? Phaser? Wattebäusche? C: schweigt ostentativ. Die Blicke wenden sich wieder dem Monitor zu. Wie von Ferne dringt das Heulen einer Sirene an die Mauern des Aufenthaltsraumes und wird von ihnen unfreundlich abgewiesen.

A: Meine Damen und Herren, ein Flashback! Bekommen wir jetzt auch noch die jugendlichen Brüste der Frau Maji zu sehen? C: Ich möchte dein Augenmerk doch auch auf die Hintergründe lenken, namentlich die reduzierte Kulisse. Ich möchte dies dahingehend interpretieren, dass der Film zur Bühne wird, in der Raum und Zeit ineinander verschoben werden, wie Kulissen, oder Erinnerungen. A: Pah, damit hat auch schon der von Trier entschuldigen wollen, dass er einfach nicht genug Schotter für eine anständige Stellwand hatte… Oh, aber Ruhe jetzt, da haben wir’s! Sex! Doch plötzlich: Das Bild wechselt, Christof springt auf, einen Freudentanz vollführend, sein Beweis ist eingetreten, endlich. Das Bild zeigt ein weisses Bettlaken, welches in der Mitte von Blut durchtränkt wird, das Blut bildet einen roten, ausgefüllten Kreis. Die japanische Flagge, mit Blut auf ein Bettlaken geschrieben. C: Da! Da! Wer Augen hat zu sehen, der sehe! Die Anklage, gegen den Staat, die Nation, die Klage der unterdrückten Frau gegen die reaktionär-patriarchale Gesellschaftsstruktur. Arthouse! Arthouse! singt das Wort vor sich her A: Ist noch Kaffee da? Die Rückblende erzählt weiter von Sasoris Leben vor dem Gefängnis, von ihrer Wut, von ihren Rachegelüsten. Von ihrem gebrochenen Herzen, bevor der Film wieder in das Gefängnis zurückwechselte. C&A merken auf: Neue Insassen werden vorgestellt, nicht in blauen Kleidern wie Sasori und die meisten anderen, sondern in orangenen: Hilfsaufseherinnen. C: Gott, welch Genie! A: Bitte? C: Dieser Mut zur Komplexität! Frauen, die unterdrücken! Nicht bloss die totale, sondern auch die universale, geschlechtsungebunde Oppression. Wahrlich, ich sage dir: Der Film ist nicht einfach nur ein kühner Vertreter des Feminismus, sondern auch darauf bedacht, sich nicht nur auf Feminismus zu beschränken. A: Feminismus? Hallo?! Darf ich deine Aufmerksamkeit auf die Brüste lenken? Das ist reine Fleischbeschau, und dafür sollten wir dankbar sein! Überhaupt finde ich, dass orange den Frauen viel besser steht… C: Halt, halt, mein Freund. Bedenke: Auch wenn das Genre des Frauen-in-der-Zuchtanstalt-Films (Gänsefüsschengeste) im weiteren Sinne der Exploitation (Gänsefüsschengeste) zuzurechnen ist, so zeigt „Sasori“ die Frau doch in einer neuen Rolle. Natürlich ist die Frau passiv und unterdrückt am Anfang des Films, doch wird sie aktiv im Lauf des Films. Das ist nicht pure Exploitation. A: So lange der Film die Ausbeutung der Frau zeigt, indem er die Nacktheit der Frauen schön telegen ausbeutet, auch recht. Hast du eigentlich irgendwo ein Bier rumstehen gesehen? Während Alexander noch gründlich den Raum nach Rückständen alkoholischer Substanzen untersucht und an der Türe ein leises Schaben erklingt, suhlt sich Christof in der Genugtuung des erfolgreichen Propheten, als die Frauen den Aufstand proben, an die Macht gelangen, die Wärter gefangen nehmen und die verängstigen Männer zu vergewaltigen beginnen. ​

​ C: Der Phallus ist seiner Macht beraubt. Er hat sich gegen seinen Besitzhaber gewendet. Ein unschönes Bild, aber doch, welch Sinnhaftigkeit! A: Jetzt haben sie auch noch Sasori… Ui. Die Kreativität der Drehbuchschreiber scheint ein nie versiegender Brünnen zu sein, wo es ums Foltern geht. Reschpekt. C: Und wieder interpretierst du die Szene falsch. Hier geht es nicht um die Folterung… Seine Gesichtsfarbe ändert den Ton ins leicht Bleichliche… C: …auch wenn… …leicht Bleiche… C: …die Szene zugegebenermassen… …Bleiche… C: …auffällig lang und grausam ist… Kurzer Schluckreflex C: Wie gesagt, eigentlich besteht die Essenz der Szene darin, dass Sasori die Idealfrau ist: weitgehend passiv, ruhig, und die anderen Frauen unterdrücken sie. Das Idealbild Frau ist kein taugliches Bild für die Gesellschaft, da es unweigerlich zur Unterdrückung führt. Ein klarer! und ich möchte hinzufügen: Ein äusserst klarer Schrei nach Emanzipation. Alexander grunzt unartikulierten Protest, steht auf und macht sich mangels Alternativen wieder über die Kaffeemaschine her, doch diese verweigert den Dienst. Keine Bohnen, so lautet die Diagnose. Ein DVD-Abend und kein Kaffee. Alexander: Das ist wahre Folter. Unterdessen wird Sasori auf dem Bildschirm weiter gefoltert, bis der Film zur Schlusspointe ansetzt: dem lang ersehnten Befreiungsschlag, dem Rachefeldzug, der blutigen Wiedergutmachung. C: Ich bin beeindruckt. A: Ich auch. Kein Abspann. Nicht mal dafür hat das Budget gereicht. C: Welch Werk von visionärer Schaffenskraft! A: Die japanische Mutter moderner Sleaze-Filme. Brutal, schockierend und spannend. Blut. Blutte Menschen. Ich bin zufrieden. C: Arthouse! A: Sleaze! Vor der Tür ist Hundegebell zu vernehmen, wird aber von der Meinungsverschiedenheit im Raum übertönt. Alexander schlägt salomonisch vor, den zweiten Teil den Entscheid fällen zu lassen. C: Aha, Sasori: Jailhouse 41. Welch grandioser Vorschlag, lieber Alexander! Aufgenommen und veröffentlicht noch im selben Jahr wie der Erstling, an dessen Stärken festgehalten wird: Gleicher Cast, gleicher Regisseur, gleiche Ausgangslage – ich schätze Konstanz im Werk eines Künstlers, eine Besinnung auf die eigenen Stärken, die in ihrer Variation nur noch glänzender hervorstechen… A: Rein damit. Die Kamera fährt einen Gang hinunter. Dazu eine Stimme im off: „Sasori! Sasori! Sasori!“. Die Kamera wackelt, das Bild verschwimmt. Eine Szene, so atmosphärisch, dass es Christof und Alexander, Alexander und Christof, eiskalt den Rücken runterläuft. Dann, das Schaben eines metallenen Gegenstandes, der über den Boden gezogen wird. Ein hässliches Geräusch, das sich immer und immer wieder wiederholt. Ein neuerlicher Schauder läuft über die Rücken der Sehenden, doch dann endlich: Sasori, gefesselt auf dem Boden, in ihrem Mund ein Löffel, den sie immer wieder über den Boden schleift, um ihn zu schärfen Ihr Blick, eiskalt, wird frontal von der Kamera aufgenommen. Dann ein neuer Schauer, das wohlige Gefühl, dass Sasori wieder da ist. A: Sasori! C: Sasori! Der Jubel verstummt, als die Heldin wieder gepeinigt wird, wieder zurückschlägt, wieder Unterdrückung, wieder Sex, wieder Exploitation, wieder Blut, wieder Haut. A: Bin das nur ich oder arbeitet jemand da draussen an der Matrix? C: Das ist nur die Exposition. Die Exposition darf das. Die Exposition darf alles. Christof und Alexander, Alexander und Christof, konzentrieren sich also wieder auf das, was sie am Besten können: fernsehen. Der Plot trägt sie weiter durch das Martyrium der Sasori, hinein in den Steinbruch: Sasori gefoltert, am Kreuz. C: Da ist es wieder, in einer solchen Szene kannst du einfach nicht leugnen, dass der Film tiefere Aussagen hat. Sasori wird in dieser Szene zur Jesus-Figur stilisiert. Die ultimative Märtyrerin. Der weibliche Jesus. A: Wenn Sasori Jesus wäre, dann würde sie nach drei Tagen Scheintod nicht in den Himmel fahren, sondern ihre Peiniger genüsslich zur Hölle fahren lassen. Während sie mit Löffeln in ihren Eingeweiden wühlt. Schreib das mal in die Bibel. So glühte die DVD weiter im Player, zeigte Sekunde für Sekunde an Gewalt und Sex, wieder wie Sasori von allen Seiten, auch von den Mitinsassinnen geschlagen wird, bis, da, endlich: Flucht. Wärter werden tot… C: Sag mal… A: Ja, der ist kastriert. C: Brutal. A: Sehr. Wärter werden tot und kastriert auf der Strecke gelassen, Sasori flieht, Mitinsassinnen im Schlepptau. Alexander lächelt das Lächeln des Seligen, als noch mehr gemartert wird, geprügelt, geradlinig. Christof schmollt, als zwei Frauen sich im Hintergrund sehr telegen und äusserst handlungsirrelevant liebkosen, da plötzlich hellt sich seine Miene auf, und ein Lied erklingt: Und jede der Frauen muss sich vorstellen, muss ihr Verbrechen aufsagen, in surreal angehauchtes Licht getaucht, silhouttenartig, hinaus gerissen aus dem Kontext, in einem Moment, der losgelöst ist von Zeit und Raum. C: seufzt ob so viel künstlerischem Anspruch. A: seufzt ob so viel künstlerischem Anspruch. Die Flucht im Fernsehen geht weiter, während die realen Flüchtigen weiterhin vor dem Fernseher sitzen. Über alle Berge geht die Flucht, hinein in einen Bus voller Touristen und…mit einem Mal klopft es an die Türe. Lautstark. A: starrt auf den Bildschirm. C: starrt auf den Bildschirm.

Wieder das Klopfen, eine Stimme, die Christof und Alexander auffordert, die DVD aus dem Player zu nehmen, sie auf den Boden zu legen, mit erhobenen Händen aus dem Zimmer zu kommen und auf keinen Fall die Fernbedienung mitzunehmen.A: dreht den Kopf widerwillig Richtung Türe. C: hebt eine Augenbraue.Sie waren gefunden geworden. Dem Untergang geweiht. Dem neuerlichen Leiden Anheim gestellt. Doch es gab nur eines: Aushalten. Bis zum bitteren Ende. Des Films. Kein Verhandeln. Kein Zurückweichen. Aushalten. Und die Lautstärke aufdrehen. Die Flucht von Sasori hatte in der Zwischenzeit auch ein Ende genommen. Eine Mauer war dem Bus in die Quere gekommen, überall Polizisten. Sasori wird zur Unterhändlerin gemacht, muss mit der Polizei reden, und dann….A: Was? Hat sie da jetzt wirklich…? C: Du, die Wärter stehen vor der Türe. A: Die wissen glaub ich, dass wir hier drinnen sind. C: Schon, aber die haben den Film noch nicht gesehen und sehen es vielleicht gerne, wenn du den Schluss hier nicht rumposaunst. Eine Stimme vor der Türe gab Christof Recht, bevor sie eine weitere Ermahnung hinterher schickte, dass sie die Türe in die Luft sprengen würden, sollten Christof und Alexander nicht freiwillig hinauskommen. C:zur Tür gewandt. Geht doch Mädchen verprügeln! A: Aber hat sie jetzt da wirklich? C: Jep. Eiskalt. A: Die haben’s ja auch eigentlich verdient. C: Schon. Trotzdem. Überraschend. A: Und blutig. Irgendwie hat man sie jetzt nicht mehr so lieb, oder? C: Eben. Arthouse. Kein Anschmiegen ans Publikum, keine Verbeugung vor der Einfachheit, sondern reale Boshaftigkeit. A: Warte, da passiert noch was. Ist das Sasoris Ende? C: Warte, warte, hui, ist das spannend… A: Spannend. C: Spannend. Das Pochen an die Tür trägt langsam Züge der Ungeduld. Doch auf dem Schirm! Die Auflösung! A: Huh? Soviel zum Thema: reale Boshaftigkeit. Soviel zum Thema Massengeschmack. Soviel zum Thema Absage an die Einfachheit. Soviel zum Thema… C: Nein, nein, du verstehst das wieder falsch… das ist ganz anders, das ist nämlich… A: Sleaze! C: Arthouse!! A: Sleaze!!! C: Arthouse!!!!! Und gerade als Christof aufstehen wollte, um die Entscheidung der Debatte mit dem dritten DVD herbeizuführen, brachte ein Krachen den Raum zum Beben. Splitter der Türe flogen durch den Raum, bullige Gestalten liessen sich im neu geöffneten Durchgang ausmachen. Mit einem Hechtsprung warf Alexander sich nach vorne, packte Teil drei und vier der Sasori-Reihe und versteckte sie. Sie würden vielleicht ihn und Christof finden – die ungesehen Sasori-Filme jedoch gehörten ihm. Und Christof. Christof und ihm.

Dieser Text erschien ursprünglich auf nahaufnahmen.ch. Dort findet sich auch der zweite Teil.

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