• Christof Zurschmitten

Praga città divisa


SKIZZE, in der ich versuche, anhand des obecni dum Prags mit dem Verfall und Luxus zugleich flirtenden Charakter zu erfassen.

Prag ist eine geteilte Stadt. Wer weiss, wo er suchen muss, kann den Riss sehen, der durch die Moldau-Metropole geht. Auf dem Námestí Republiky, etwa, dem Platz der Republik. Auf der einen Seite wird er begrenzt von einem Turm, der im Spätmittelalter zu keinem genaueren Zweck entstand, als dreihundert Jahre später zerschossen zu werden – und bis heute fortbesteht als einschüchterndes Gemäuer, das die Zerstörungen scheinbar unter dunklem Schorf ausbesserte, der nach der Heilung nie von ihm abfallen wollte. Auf der anderen Seite sein Spiegelbild: das Gemeindehaus, Obecní dum. Das Gegenteil von Zweckfreiheit: Am 28. Oktober 1918 wurde hier die Souveränität der Tschechoslowakischen Republik verkündet. Man kann sich leicht vorstellen, es sei eigens dafür erbaut worden, als einzig gebührlicher Rahmen für die anschliessenden Feierlichkeiten, die nichts weniger dauern sollten als: ewig. Gefeiert wird tatsächlich immer noch in den art nouveau-Hallen, Konzerte werden gegeben, Ausstellungen ausgerichtet, Schöngeistiges gepflegt; doch der Hauptzweck des Obecní dum hat sich gewandelt. Wer die Säulen passiert, die unter dem überlebensgrossen Mosaik einen von verschnörkeltem Eisen gezierten Baldachin tragen, wer die Marmortreppen empor schreitet zum unwahrscheinlich hohen Empfangsraums und die Türsteher in Livree hinter sich lässt, um Platz zu nehmen unter der wuchtigen Opulenz der Deckenbeleuchtung eines Edel-Kaffees voller Stuck und ziseliertem Goldglanz – der wird nicht umhin können, ein luxuriös-seniles Lächeln der Glückseligkeit zu grinsen. Plangemäss, den dies ist der neue Zweck des Gebäudes: es soll beeindrucken, als Zeugnis einer Grösse, die diese Stadt nicht loswerden will. Und doch geht der Riss, der sie zugleich teilt und eint, auch mitten durch das Kaffee: Wer sich nicht betäuben und den Blick schweifen lässt, entdeckt auf dem Flügel des Pianisten, der einen zaghaften Swing spielt, eine Ketchup-Flasche – eine Erinnerung daran, dass die grossartig grössenwahnsinnigen Träume hinter dem echten Marmor und der falschen Dienstbereitschaft der Kellner schon längst zu modern begonnen haben.

Die Skizze fand später Verwendung als Einleitung zu einem ausufernden Essay, in dem ich die hier erfasste Ästhetik verfolge im tschechischen Animationsfilm und Computerspiel.

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