• Christof Zurschmitten

Wunder des Verwundbaren


KRITIK von Shinya Tsukamotos "Vital", mit dem der Altmeister des donnerenden Cyberpunk die Stille entdeckte und auf seine gewohnt kompromisslose Art einen ungewohnt meditativen Film über Tod, Erinnerung und Liebe schuf. Shinya Tsukamotos Karriere ähnelt in Form den Gebilden und Kreaturen, die ihn berühmt machten und Zeit seines Schaffens begleiteten – seltsam organisch sind sie einem stets eben noch als vertraut erkennbaren Kern entsprossen, von wo aus sie sich verzweigen und spalten, endlos wuchernd und anschwellend in alle denkbaren und undenkbaren Richtungen. Und so wird das Sprechen über jeden Film Tsukamotos immer auch ein Sprechen über alle anderen, mit ihm verwachsenen, in ihm verzahnten. Als letztes Jahr „Haze“ in einer Budget-Variante auf DVD erschien, lag es nahe, in diesem klaustrophobischsten aller Horror-Filme eine Zusammenfassung des ersten Karrierebogens Tsukamotos zu sehen. „Vital“, den Rapid Eye Movies nun ebenfalls in einer preisgünstigen Variante aus dem eigenen Back-Katalog erhebt, bildet dagegen den Schlusspunkt dieses ersten Bogens – und gemeinsam mit „A Snake of June“ nach Meinung nicht weniger Kritiker zugleich den Höhe- und Zielpunkt, auf den Tsukamoto all die Jahre hin gearbeitet hat. Auf jeden Fall ist es der zugänglichste Film Tsukamotos, so nahe an einem Liebesfilm, wie es der Prophet des urbanen Horrors je kommen wird. Dass der zerebrale Schock immer noch ins Effekte-Repertoire gehört, dass die Liebe auch hier über die Transformation (toten) Fleisches führt, dass die meisten Berührungen immer noch Schmerz bedeuten, dass der Schrecken einen jederzeit und überall einholen kann – das alles versteht sich von selbst in Tsukamotos Welt. Und dennoch war diese Welt nie durchlässiger und offener für Trost, Hoffnung, und eine Schönheit, die nicht verschwindet dadurch, dass der Schrecken immer noch überall auf einen warten kann. Reise ins Innerste der Welt Wie Tom Mes richtig beobachtet hat, lässt sich Tsukamotos Karriere bis und mit „Vital“ beschreiben als eine konsequente Körper-Bewegung, von der Oberfläche ins Zentrum: In „Tetuso“ und „Tokyo Fist“ wurden die Schauspieler noch verwandelt und verschandelt durch das ins Groteske getriebene Hinzufügen von Metallschrott, Prothesen und Wunden, bis sie nicht mehr von ihrer urban-industriellen Umgebung zu unterscheiden waren. In „Gemini“ wurde der Körper unter einer Schicht von Schmutz, Dreck und Staub dem Primitiven zugeführt. Erst in „Snake of June“ fiel all dies von den Schauspielern ab, deren Nacktheit Entblössung ebenso wie Befreiung bedeutete.

Von hier aus setzte Tsukamoto seinen konsequent Weg fort, indem er die Oberfläche durchstiess: Der eine zentrale Handlungsort von „Vital“ ist ein Obduktionssaal, in dem die Kamera bis ins Allerinnerste des menschlichen Körpers vordringt. Und es ist dieser Platz, den Tsukamotos Protagonist sich als Ort seines Exils wählt, nachdem er bei einem Autounfall seine Freundin und sein Gedächtnis verloren hat. (Gespielt wird er von Tadanobu Asano mit der traumverlorenen Präsenz, die nicht neu ist für ihn, aber selten einer Rolle angebrachter war.) Von den Eltern sanft manipuliert, erkennt Hiroshi im Studium der Medizin einen Rückhalt in einer allen Orientierungspunkten beraubten Existenz. Die Entdeckung der Mechanik des menschlichen Körpers wird zunehmend auch zu einer Wiederentdeckung des eigenen Selbst, als sich abzeichnet, dass der Körper, der ihm zur Sezierung zugeteilt wurde, der seiner verlorenen Freundin ist. Als gelte es, in ihrem Körper die Spuren der Vergangenheit ausfindig zu machen, widmet sich Hiroshi mit obsessivem Eifer der Obduktion und verliert sich immer mehr an den zweiten Handlungsort des Films, eine opulente, von Wärme gesättigte Welt, in der er seine Erinnerungen bewahren und verteidigen will gegen die Welt der Lebenden, die ihn zurückholen wollen. Nachbeben, Nachleben Eine der Stärken Tsukamotos war es stets, Bilder zu finden, die auf einer emotionalen Ebene stark widerhallen, auch wo sie dem Intellekt nicht direkt zugänglich sind. Zu Beginn seiner Karriere war das bevorzugte Mittel dazu der neurale Schock, ein Überladen der Tonspur bis zum Bersten, gepaart mit einem wild flackernden Bilder- und Schnittrhythmus. Derart in die Offensive geht „Vital“ nur ganz zu Beginn, als Aufnahmen von entmenschlichten Industrielandmarken über einer verzerrten Klangkakophonie die kommende Tragik der Situation Hiroshis einleiten. Entscheidend ist aber, wie „Vital“ – ohne die Intensität dieser ersten Minuten einzubüssen – von diesem Moment aus das Spektrum der Emotionen ausweitet und erfahrbar macht: Die Kälte, wenn die Kamera in den sterilen Szenen im Obduktionssaal auf den leblosen Details verweilt, ebenso wie die flirrende Wärme der lichtdurchflutenden Erinnerungräume Hiroshis; die leise Verzweiflung von Hiroshis Mitstudentin (Pop-Star Kiki), die sich ihm nur im Selbstzerstörerischen nähern kann, wie Hiroshis den Tod überdauernde Liebe zu seiner verstorbenen Freundin. Was „Vitals“ Sonderstatus in Tsukamotos Karriere ausmacht, das ist das finale Verschmelzen dieser Welten, der Triumph der Hoffnung – womit „Vital“ auch endgültig klarmacht, dass Tsukamotos Faszination für das verwundbare Wunder des menschlichen Körpers keine ausbeuterische ist, sondern ein sehr ernst gemeintes Staunen. Mit „Vital“ gelingt Shinya Tsukamoto die Sublimierung des fantastisch Dunklen, der er sich seit seinem unendlich abgründigen Debüt schrittweise näherte, und nebenher eine essentielle Annäherungen an das Phänomen des Todes und den Umgang mit ihm – 100% Tsukamoto, auf seine einzigartige Weise erhaben über den überschätzten „Departures“ und auf Augenhöhe mit Werken wie Kenzaburo Oes „Der Stolz der Toten“ oder Hirokazu Kore-edas „After Life“.

Dieser Text erschien ursprünglich auf nahaufnahmen.ch.

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