• Christof Zurschmitten

Premature Enttäuschung


ESSAY Zu Nicolau Chauds 'Polymorphous Perversity', versäumte Obsessionen und allgemeine Freud-Losigkeit.

In den vergangenen drei Stunden habe ich einen Mann dafür bezahlt, von einem Pferd in den Arsch gefickt zu werden, ich habe einen Transvestiten gefistet und Hinterwäldlern geholfen, Inzucht zu betreiben. Ich habe mich an Bäumen vergangen und sexuell ausgehungerte Mütter befriedigt, ich habe mich in Lederkluft vollpinkeln lassen und selbst ungehörige Jungens genotzüchtigt. Ich habe 45 neue Namen gelernt für Menschen mit Vorlieben, die ich nie kennen wollte, ich habe gebumst, geblasen, gevögelt und Liebe gemacht mit Krüppeln, Models und Weisen allerlei Geschlechts, ich bin an den Rand der physischen und psychischen totalen Erschöpfung geraten, und habe weiter gemacht, kopfüber dem Abgrund entgegen. Und nun, da alles vorbei ist, empfinde ich… nichts. Das ist die bittere Pointe von Polymorphous Perversity.

Doch was lag vor dieser ernüchtenden Erkenntnis? Je nachdem, wie schief man den Kopf legt, kann man in Polymorphous Perversity mindestens zwei Dinge erkennen: Ein kleines, kostenloses Spiel, ein in RPGMaker 2003 gefertigter schlüpfriger Witz, der auf dem Weg zwischen Männerumkleidekabine und Psychoanalyse-Proseminar beim Wichsen auf halber Treppe kollabiert ist. Und das jüngste Experiment des brasilianischen Psychologen, Therapeuten und Professors Nicolau Chaud, der hier nicht zum ersten Mal versucht, ausgerechnet mit einem Baukasten für japanische Retrorollenspiele Licht in die finstersten Ecken von Psyche und Eros zu bringen.

In seinen besten Momenten ist Polymorphous Perversity beides zugleich: ein Vexierbild, in dem diese Perspektiven hin- und herkippen und der Anblick einer grotesken Abartigkeit ein Lachen hervorzwingt, das gleich wieder im Hals stecken bleibt. In seinen schlechtesten Momenten hält Polymorphous Perversity dagegen weder der einen noch der anderen Sichtweise stand, und Momente intendierter Ernsthaftigkeit ersticken in Schwaden von Axe und Testosteron.

“This is a pretty cool place. I was a little overwhelmed at first, all the sex still makes me a little crazy.”

Chauds Experimentierwille entspringt einer einfachen Erkenntnis: Computerspiele haben Sexualität bislang meistens ignoriert, allenfalls noch gezeigt, aber kaum je wirklich reflektiert. In einem Anfall von Überkompensation jagt Chaud deswegen alles durch den RPGMaker, was der unendlich dehnbare Begriff “Sex” aushalten kann – im keinem geringeren Namen als dem Siegmund Freuds. Der Titel des Spiels bezieht sich auf eine seiner These, wonach das Kind, dieses scheinheilige Schlitzohr, es faustdick in der Hose hat: Dem Nachwuchs fehlt nämlich das Gespür für die Dämme und Wälle, hinter die die Erwachsenenwelt das sozial und sexuell Nichtakzeptable verbannt. Insofern kommen wir, so der Buschdoktor aus Wien, alle vielfältig pervers veranlagt in diese Welt, und lernen später, so wir denn brav sind, unsere Triebe, unsere Paraphilien und Neurosen unter Kontrolle zu halten.

Chauds Polymorphous Perversity ist alles andere als brav: Das Spiel wirft seinen Protagonisten in eine gänzlich (und gänzlich bewusst) männlichen Fantasien entsprungene Welt, in der Palmen Mösen tragen, Plastik-Porno-Pop über den Wipfeln schwebt und niemand über die reine Versautheit kindlicher Sexualität hinausgekommen ist. Zwischen normal und pervers, Mann und Frau, Mensch und Tier mag man hier nicht so richtig unterscheiden; gefickt wird, was bei drei nicht seine Löcher verschlossen hat, und mit Vergnügen hat das alles nichts zu tun. Der Protagonist sieht sich vielmehr von einer unkontrollierbaren Lust verfolgt, die befriedigt werden will, wenn nicht sein Penis explodieren soll. (Kein Euphemismus für den Cumshot, sondern blutige und finale Realität in dieser zügellosen Welt.) Der Drang wird somit zur Tortur, und die Suche nach einem Weg zurück in die Normalität zur obersten Priorität für den Protagonisten cum Spieler – ein Weg, der an tausend Abartigkeiten vorbei hin zu einer entgeisterten Erkenntnis führt. So weit Chauds ernstgemeinte Ambitionen.

“If you are here, there are walls inside you that need to be broken. It is a quest for liberation.”

Diese Ebene wird aber ständig gekreuzt von einer zweiten, die unter der Gürtellinie verläuft und Polymorphous Perversity zur reinen Farce macht. Das liegt durchaus in der Natur der Sache selbst: Die Idee, diese schrankenlose Welt ausgerechnet mit den beschränkten Mitteln des RPGMakers erschaffen zu wollen ist an sich schon grotesk genug. Chaud zieht die logische Konsequenz daraus: Die Welt, sie muss so grotesk wie möglich gezeichnet werden. Dabei gewinnt Chaud der Krümmelengine, die in der Regel genutzt wird um unschuldige 16-Bit-Kindheitserinnerungen wiederzuerwecken, durchaus Stärken ab: So ist Polymorphous Perversity zwar entschieden porno, aber nur im weitesten Sinne graphisch, und erst dies macht das Spiel eigentlich erträglich: Chaud stieß bei seinen Erkundungen der Untiefen des menschlichen Geschlechtstriebs auf Dinge, die selbst einem Psychoanalytiker die Lust aufs Beobachten nachhaltig austreiben können. Und er forderte, in einem konzeptuellen Kunstgriff über die Grenzen der Fiktion hinaus, die Leser seines Blogs auf, ihm versaute Fotos und Fantasien zu schicken. Vieles, sehr vieles davon hat seinen Weg ins Spiel gefunden: Polymorphous Perversity bietet mehr Weichteile als ein Austerndiner auf Chatroulette. Aber da die Auflösung der RPGMaker-Engine über die Grobpixelästhetik japanischer Genitalienschnappschüsse nie hinauskommt, bleibt doch vieles im Dunkeln des eigenen Vorstellungsvermögens.Je nach dessen Beschaffenheit dürfte dies zu unterschiedlichen Arten von Erregung führen.

Eine Sache, die jedenfalls zweifelsohne erregt wird, ist Ärger. Das Bedauerliche dabei ist, dass die Provokation nicht jene zu sein scheint, auf die Chaud es anlegt: Wer diese Welt mit ihren zahllosen Vergehen gegen den guten Geschmack freiwillig betritt, der wird sich an den grobgezeichneten Darstellungen von Abasiophilie bis Zoophilie kaum stören. Störend sind vielmehr Momente, in denen – wie etwa im Fall der irritierend negativen Darstellung von Transsexualität – plötzlich unklar wird, ob wir es noch mit der Satire auf den Männlichen Blick zu tun haben oder mit einem Blick auf den entblößten Schöpfer dieser Welt. In der Regel versteht es Chaud immerhin, die schier endlosen Fallgruben zu umgehen, die sein Projekt aushebt – als Konzept bleibt Polymorphous Perversity, bis es zum Schluss- und Höhepunkt kommt, trotz aller gewollten und ungewollten Entgleisungen faszinierend. Es stellt wenige Fragen, aber vieles in Frage, und auch wenn die Antworten, die es darauf gibt, teilweise zu unklar sind, so hat es doch eine klare Linie: Eine Linie, die von der Durchkreuzung aller Selbstverständlichkeiten konsequent weiter gezogen wird, bis sie eine deutliche Position markiert – eine durch und durch pessimistische, die letztlich provozierender ist all die exotischen Sexpraktiken, die das Spiel zeigt. Und es sind tatsächlich Gedanken, die Polymorphous Perversity provoziert, und nicht nur Gelächter und Gestöhne. Insofern scheint Chauds Experiment gelungen.

“Love? No such thing. Just a repressed way of dealing with animal sexual urges..”

Und doch… all dies ist letztlich Kopfsache, und der ist bekanntlich nicht das einzige Geschlechtsorgan. Unterhalb des Kopfs, unterhalb des Theorie- und Konzeptgewichses, findet sich eben auch: Ein Spiel. Ein Körper. Und der ultimative Störfaktor. Denn die Reaktionen auf das Spiel, das Polymorphous Perversity trotz allem eben auch ist, sie sind durch und durch körperlich: Zermürbung. Frustration. Wut. Nicht auf das Konzept, sondern auf die Umsetzung. Chauds frühere Experimente, allen voran das weit gelungenere und verstörende Dungeoneer: Beautiful Escape, waren zwar nicht weniger verkopft, aber sie waren kurz, schnappende Angriffe auf das Empfindungsvermögen, die in kaum dreißig Minuten mehr und heftiger trafen, als dies vielen Spielern lieb sein konnte. Mit Polymorphous Perversity hat sich Chaud aber gehen lassen. Als wäre die Kompaktheit von Chauds früheren Spielen nicht genug, um die Gesamtheit der Perversitäten dieser Welt abbilden zu können, wurde Polymorphous Perversity über die Maßen aufgebläht: Thematisch deplatziert wirkende Minispiele erweisen sich als völlig nutzlos, Nebenquests sind öfters nebulös als stimmig-bizarr, und die Kämpfe, die hier als Wettficken inszeniert sind, laufen hinaus auf reines Trial&Error, das nicht einmal dem Liebesleben eines 14-Jährigen mit einer Freikarte für den Puff gerecht würde. Der endgültige Lusttöter sind aber absolut undurchsichtige und überflüssige Puzzles und ein vollkommen willkürlicher Schwierigkeitsgrad, der nur mit einem Übermaß an Glück und schierem Willen überwunden werden kann.

“That is the worst feeling. That I’m dead while still living. I think I need the rush, the thrill, but I may be doing it wrong.”

Die traurige Wahrheit von Polymorphous Perversity ist letztlich, dass es jenseits seines österreichischen Theorieunterbaus vollkommen freud-los ist. Nur schon, dass man darüber reden muss, scheint verkehrt: „Spaß“ ist selten etwas, das man erwarten sollte, wenn man sich auf ein Nicolau Chaud-Experiment einläßt. Polymorphous Perversity weckt diese Erwartungen aber selbst mit seinem ständigen halbherzigen Griff zum Genre-Grabbeltisch, bevor es diese Erwartungen konsequent und entgegen der eigenen Ansprüche wieder enttäuscht. Polymorphous Perversity will Spiel sein, doch es kann den damit einhergehenden Maßstäben nicht gerecht werden: Es langweilt, trotz all seiner Absonderlichkeiten, und es frustriert. Im Frust aber zeigt sich das Spiel nackt – reduziert auf reine Mechanismen, deren Justierung zuallererst Arbeit bedeutet, und einem daneben liegenden Stapel abgestreifter Sexattribute, die unter dem stumpfen Blick des erschöpften und enttäuschen Spielers plötzlich billig auszusehen beginnen. Dies ist zwar durchaus nicht unpassend für das distanzierte Bild von Sex und Liebe, das Polymorphous Perversity schlussendlich zeichnet; aber als Pointe ist diese kühle Distanz nichtsdestoweniger nichts anderes als: unbefriedigend.

“Abstinence is the key. SEX WILL RUIN EVERYTHING.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Superlevel und später im WASD-Magazin. Ausserdem trug er mir Den Warmen Händedruck 2013 und Lob von hoher Stelle ein. Soll niemand sagen, schreiben über Sodomie zahle sich nicht aus.

#games #sex

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