• Christof Zurschmitten

Eine Form von wachem Leben


SKIZZE von Brüssel, der Grande Place, dem Jardin Botanique, und den unerwarteten Formen von Leben, die sich hier wie dort einnisten.

Grande Place

Als wäre der Stein eine Leinwand, von der auch nur einen Quadratzentimeter zu verschwenden man sich nicht leisten konnte…

Ein einziges Wuchern, mit einem Anflug von Übermut, dem zum wirklich Wuchernden aber letztlich das Krankhafte fehlt, das Unberechenbare.

Über der Pforte ein Greis, der ein allzu waches Kind auf den Schultern trägt, und die Vermutung, dass damit meine Pforte gemeint sein könnte.

Ein Gebilde aus unkaubarem Zuckerguss, ein ewiger Weihnachtsmarkt, dessen Stände noch nicht aufgebaut sein werden, und die Bauplanen an einigen Fassaden, die von vielen missverstanden werden als Enttäuschung und Zumutung, obwohl sie doch offensichtlich etwas Anderes sind: Schutzplanen, Sichtblenden, die aufgehängt wurden, um die reizbaren Augen und Geister nicht zu schädigen. Geschenkpapier, das uns die letzte Möglichkeit lässt, das Sichtbare und Bestehende als Vorahnung wahrzunehmen von etwas, das wir nicht erfahren werden, und nie zu erfahren brauchen, weil wir es nicht könnten.

Wie München ist Brüssel in einer einzigen Hinsicht: es ist frei von Erwartungen und bestätigt deshalb lediglich Vorurteile, die man ohnehin nicht hatte… überhaupt scheint es eine Stadt zu sein, in der Opulenz nur höchst konzentriert vorkommt und selbst die Pracht nur wenig Anmassendes hat. In den winzigen Winkeln und Gassen und denjenigen Strassenzügen, die nicht der eigenen Selbstbezogenheit gewidmet und geopfert wurden und auch nicht den Menschen, die hierher kommen ohne genaue Erwartungen (und sie deshalb mehr als erfüllt sehen), scheint Platz zu bleiben für etwas, das in erfreulicher Weise einer Form von wachem Leben ähnelt.

Jardin Botanique

Der alte „Jardin Botanique“ in Bruxelles (ich bevorzuge deutliche diese Schreibweise) ist ein Gebilde, das geschaffen wurde, um Blick und Vorstellungen ins Irre zu lenken… von der Einkaufspassage kommend findet man sich lediglich vor einem verschlammten Pfuhl wieder und dem Eindruck eines Gartens, der seine Gärtner längst verschlungen hat. Mit dem Bild der beeindruckenden Glasbauten im Kopf macht man sich auf die Suche, und findet noch nicht einmal einen Ausgang. Die Ausgänge, auf die man schliesslicht stösst, wenn man das Glück hat, dass der Garten einen freigibt, führen zu Strassen, die den Jardin zertrennen wie die Kreidelinien eines Fleischers die Haut des Rindes, doch natürlich wächst und wuchert hier alles zu sehr, als dass auch der gewaltsamste Schnitt die Glieder dieses Gebildes tot machen könnten.

Katzen, die sich zum Jagdgrund machen, was sie sich nehmen können, schiessen durch das Röhricht und scheinen ehrlich erstaunt über die Präsenz eines Menschen, der, immer noch verloren, immer noch suchend, einen Hügel ersteigt, an dessen Seite der Garten bereits wieder ein Ende findet. Er folgt einer Treppe und nähert sich so, durchaus hinterrücks, der Sicht, der er eigentlich meinte mit alledem: ein transparentes Stück dessen, was Büne Huber meinte mit dem „Haus aus Glas“ mit seinen zahllosen Zimmern… doch diese Venus ist längst in die Gründe eingegangen, die sie bis heute nährt, und dieses Haus aus Glas ist nichts, wenn nicht ihr Fossil.

#brüssel #reisen #architektur

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