• Christof Zurschmitten

Körperliche Ertüchtigung


Samstag, 18.02.2017

Im Zug zwischen Strasbourg und Moskau

Reisen verändert. Bereits am ersten Tag erkennt man den Wahrheitsgehalt dieser Binsenweisheit, der sich in der endlosen Wiederholung der Phrase durch die berufenen Münder und Federn von allen und jedem, von Gap Year-Teenagern bis zu Karl Baedeker selig, keineswegs abnutzt. Reisen verändert. Was einem die Leute allerdings eher nicht sagen: Lange bevor sich die Veränderung im Geist niederschlägt, wird der Körper ihre fette Beute.

Keine Ahnung, wieviel davon damit zu tun hat, dass wir jenseits der 30 eine Reise antreten, an die die meisten Leute zehn Jahre früher gedacht hätten. Tatsache ist: Das Verhältnis zum Körper verändert sich, bevor man noch die Landesgrenze überschritten hat. In der Regel pflege ich zu meinem Körper ungefähr dasselbe Verhältnis wie zu einem WG-Mitbewohner, den man von Zeit zu Zeit in der Küche oder im Wohnzimmer antrifft. Man führt ein wenig Smalltalk. Man versichert sich der gegenseitigen Existenz. Der gegenseitigen allgemeinen Freundschaft. Und dann zieht man sich wieder in die eigene Sphäre zurück. Leben und leben lassen.

Kurz vor, und umso mehr während, der Reise wird der eigene Körper aber plötzlich zu einem Kleinkind, und zwar zu einem äusserst hinterfotzigen. Man ist sich seiner Präsenz bewusst, ständig, und tut alles, um ihm alles recht zu machen. Beim ersten Anzeichen dessen, dass dann doch nicht alles recht gemacht wurde, ändert sich das fürsorgliche Verhältnis schlagartig zu einem Zickenkrieg: Oh nein, du wirst es nicht wagen, mich gerade im Rücken gezwickt zu haben. (12 Kilogramm Rucksack sind nicht viel, aber sie sind genug, um diese Verhältnis weiter zu belasten.) Nach allem, was ich für dich getan habe, meldest du mir jetzt gleich am ersten Tag, dass diese Schuhe dich drücken? Und was zum Teufel meinst du überhaupt mit: “Hust”? Jetzt nur nicht im Stich gelassen werden. Alles ist easy zwischen uns, ich passe auf dich auf, wenn du dasselbe für mich tust, Deal?

Reisen als Bodyhorror – es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis David Cronenberg seinen ersten Film über Backpacker drehen wird: Die Gerüche, die doch unmöglich vom eigenen Körper ausgehen können… selbst wenn niemand und nichts da ist, das sonst so riechen könnte. Die aufgekratzten, schorfen und wunden Stellen an Körperteilen, deren Existenz man längst vergessen hatte, als sie noch normal waren. Das bärtige, pickelige Wesen, das einem aus dem Spiegel entgegenstarrt und das man nie zuvor gesehen hat.

Der Bedeutung körperlicher Fitness sind sich im Übrigen auch die Passagiere bewusst, die im Wagen mit uns von Strasbourg bis Moskau reisen. Die Wagen sind so neu, dass man sich mit ein wenig Phantasie ohne Weiteres den Geruch frischen Kunstleders vorstellen kann, der einem von den Sesseln entgegenströmt. Die Abteile sind komfortabel, insbesondere in der 1. Klasse, die wir uns, quasi als Pfand für die zusätzlichen Jahre, geleistet haben. Es sind gute Wagen, es sind komfortable Wagen, es sind Wagen, von denen aus die ertrinkenden und schlotternden Felder Polens unter dem grauen Himmel wirken wie eine adrett drapierte Katastrophen-Touristenattraktion. Nur ein Einfall der Ingenieure scheint etwas kurios auf den ersten Blick: Die Tatsache nämlich, dass die Abteiltüren nicht mit Türfallen ausgestattet wurden. Ich kann nur vermuten dass dies nicht nur Absicht war, sondern ein Beitrag zur Volksgesundheit. Um diese ist es jedenfalls bei unseren Mitreisenden gut bestellt: Wir haben das Glück oder zumindest den Eindruck, mit der russischen Türenschlenz-Nationalmannschaft zu reisen. Inklusive Ersatzbank. Keine Gelegenheit zum Training wird ausgelassen. Es knallt, nicht nur vereinzelt, sondern in einem Rhythmus, der Konterpunkte setzt zum monotonen Ratatat der Räder. Die Chancen stehen gut, dass Russland in absehbarer Zeit einen wichtigen internationalen Türschlenz-Titel erringen wird.

#reisen

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