• Christof Zurschmitten

Stadt der Flöhe, Stadt der Maulwürfe


Montag, 20.02.2017

Moskau hat Menschen, wie ein Hund Flöhe hat oder eine Katze Zecken.

Die Stadt hat sich, ungeachtet ihrer Jahrhunderte alten Geschichte, in den letzten 150 Jahren nicht nur verändert, sondern geradezu gehäutet, und was heute noch zu sehen ist, ist die zurückgelassene Haut. Rund 80% der Bausubstanz wurde über die letzten anderthalb Jahrhunderte abgestreift, abgerissen, ersetzt, und was übrig geblieben ist, ist bestenfalls in zweiter Linie als Lebensraum gestaltet worden. Die Stadt hat sich von Grund auf reinkarniert in einer Zeit, in der Erneuerung und die Vorstellung einer glorreichen Zukunft wichtiger waren als die Gegenwart. Eine Ära, in der Repräsentieren als grössere Tugend galt denn Existieren. (Das gilt im Übrigen, und zwar im besonderem Masse, auch über den Tod hinaus, was sehr anschaulich wird bei einem Besuch des Lazarusfriedhofs neben dem Alexander Newski-Kloster, wo keine Gräber anzutreffen sind, sondern ausschliesslich Denkmäler, und komplette Schauspielhäuser wetteifern darum, wessen versteinertes Abbild in der elegantesten Pose die Ewigkeit überdauern wird.)

Die einstigen Holzfassaden wurden abgerissen und die bestehenden Ziegel und Steingebäude (unter ihnen das heutige Rathaus, auf dessen Balkon einst die Bolschewiken ihre Ideen von einem anderen Morgen verkündeten) buchstäblich in den Hintergrund gerückt, mitsamt ihrem Fundament, um Platz zu machen für das Neue, für das Schnellere, für die Zukunft, bis das Stadtzentrum zu einem besseren Biotop für vierrädrige als zweibeinige Lebewesen geworden war. (Wenn sich in wenigen Jahrzehnten selbstfahrende Autos als Standard durchgesetzt haben werden, wird die Arbeit endgültig vollendet sein, an dem die Stadtplaner von Moskau seit mehr als einem Jahrhundert eifrig werkeln.)

Der Alltag, der geblieben ist, wurde in den Untergrund verlegt, im übertragenen wie wörtlichen Sinn. Im übertragenen Sinn insofern, als sich im Zentrum beinahe ausschliesslich prunkvolle (da ist das Wort erneut) Einkaufszentren finden, die (die überall gleichen) Luxusmarken führen, während Lebensmittelläden und Supermärkte in Nebengassen anzutreffen sind, hinter unauffälligen Schildern und Schriftzügen, als würden sie sich schämen oder Samizdatliteratur frisch ab Druckerpresse in den Regalen führen und nicht Konserven und Teigwaren.

Doch auch im wörtlichen Sinn wurde das Alltagsleben in Moskau beerdigt. Die Moskauer sind gewissermassen ein Maulwurfsvolk, das den gefrässigen Strassen unter Tage aus dem Weg geht, wo, als angenehmer Nebeneffekt, die beissende Kälte selbst in Kleidung ausgehalten werden kann, die ihrerseits ebenfalls das Repräsentieren über das Existieren setzt. (Die Vorliebe, oder eher Notwendigkeit, des unterirdischen Lebens mag auch der Grund sein für die Abneigung der Moskauer gegenüber Abflüssen, da das im Winter überall knöcheltief stehende Wasser den Autos letztlich egal ist, während es abgeleitet in den Untergrund zu einer Unannehmlichkeit für die Fussgänger werden könnte.) Es gibt viele, oft sehr geschäftige Unterführungen in Moskau, die hier, ein internationales Kuriosum, vermutlich weniger gefährlich sind als die offenen Strassen im Tageslicht, die sie untertunneln.

Aber bekanntlich ist die Bedeutung des Untergrunds für diese Stadt nirgends begreifbarer als in der Metro, auf die Moskau zurecht stolz ist: In den U-Bahnstationen Moskaus wurden mehr Marmor und mehr Kronleuchter verbaut als in seinen Gotteshäusern, ganze Quartiere lassen sich durchschreiten, indem man den Gängen folgt, die mehrere Haltestellen verbinden, und man wäre nicht erstaunt, wenn in jeder von ihnen ein Orchester Griegs “In der Halle des Bergkönigs” vortragen würde. Insofern ist der dystopische Roman “Metro 2033” des russischen Schriftstellers Dimitri Alexejewitsch Gluchowksi, bei dem sich die Überlebenden der Apokalypse in die Moskauer U-Bahnstationen zurückziehen, gewissermassen zugleich der salopp naheliegendste und brillanteste Sci Fi-Entwurf des letzten Jahrzehnts.

Moskau hat Menschen, wie ein Hund Flöhe hat oder eine Katze Zecken: Die Stadt braucht sie nicht wirklich, die Stadt scheint sie manchmal nicht einmal wahrzunehmen. Die Menschen jedoch, die sich mit den gegebenen Umständen abgefunden haben, können, Zecken oder Flöhen nicht ungleich, mit und in dieser Ignoranz letztlich durchaus leben.

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