• Christof Zurschmitten

Das Auge des Malers, oder der Schischkin-Test


23. bis 26.02.2017, Transsibirische Eisenbahn

Hätte ich jedes Mal hundert Rubel bekommen, wenn jemand, dem wir von unseren Transsib-Plänen erzählten, reagierte mit einer Variation von "Oh wow, davon träume ich auch schon lange!", nun, ich hätte zumindest genügend Geld zusammen für eine schlecht aufgewärmte Mahlzeit im Bordrestaurant. Es ist, offenbar, ein weitverbreiteter Traum, der zweifelsohne noch genährt wurde durch die Unmenge von Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, die 2017, zum hundertjährigen Jubiläum der Strecke, erschienen sind. 

Ein Jubiläum, von dessen Existenz man auf der Strecke selbst übrigens nichts, aber auch gar nichts mitbekommt. Keine Hochglanzprospekte mit historischen Abrissen, keine Lokomotiven, auf denen die Jahreszahlen goldig und fett prangen. Und mit Sicherheit keine Aktionen oder Sonderangebote. Dieses wohltuende Desinteresse am Ausnutzen einer Gelegenheit, für die sich im Westen zweifelsohne ganze Marketingabteilungen eine Fleischerschürze umgebunden hätten, um das Jubiläum fachgerecht auf den Schlachtblock zu hieven und nach Strich und Faden auszubeineln, ist kein Zufall. Die Realität (in die den Traum umzusetzen übrigens weder wesentlich komplizierter noch kostspieliger ist als, sagen wir, die Organisation von zwei Wochen Strandurlaub in Dubai oder eine Woche Skiferien in den Schweizer Alpen) ist nämlich: Die Transsibirische Eisenbahn ist ein eisernes Arbeitsross, eine Notwendigkeit ebenso sehr wie eine Sehnsuchtserfüllungsmaschine für westliche (und einige östliche) Touristen.

Einige wenige Menschen, die den mutigen mentalen Schritt gemacht haben, sich neben dem abstrakten Transsibirientraum auch den wesentlich trainingsanzugbehosteren Transsibierenalltag auszumalen, stellen denn auch gelegentlich eine wichtige und berechtigte Frage: Was zum Teufel tut man denn eigentlich sieben Tage lang auf dem Weg quer durch eine der unbesiedelsten Gegenden der Welt? Im Folgenden möchte ich, dienstbeflissen und ungefragt wie immer, einige Antworten geben (neben der offensichtlichen, dass man Texte wie diesen auf der Mäuseklaviatur der von der vorbeiziehenden Landschaft eingelullten Emotionen schreiben kann) und einen Test vorschlagen, der auch für Sie daheim die brennende Frage beantworten kann: Die Transsibirische Eisenbahn und ich -- na, wär das was? 

Option 1: AAA Das Reisen in der Transsibirischen Eisenbahn erfolgt ganz grundsätzlich in drei Klassen, die diesen Namen in mehr als einer Hinsicht verdienen: Da sind zunächst die Wagen, in denen sich bei voller Auslastung 54 Personen, getrennt nur durch die flottierenden Vorstellungen von Privatssphäre, während einer Woche ihre gegenseitige Nähe teilen. Für die meisten westlichen Touristen existieren diese Abteile nur als Google-Bildsuchresultat und vage Ahnung von einer anderen Welt am Ende des Zuges, die gelegentlich Fleisch wird, um kettenrauchend die Viertelstunde Haltezeit am nächsten Bahnhof zu überbrücken. Die Standardklasse für die meisten Touristen sind die Wagen mit Viererarbteil, die eine goldene Mitte versprechen zwischen Nachtruhe und der romantischen wodkagetränkten Instant-Kameraderie zwischen Fremden, die Russland-Reiseberichte so gerne besingen. (Zumindest wenn sie nicht, wie dieser hier, von socializing-behinderten Snobs geschrieben sind). Und dann gibt es noch die erste Klasse, für wohlhabende socializing-behinderte Snobs wie uns, die sich im Wesentlichen durch drei Dinge von der Mittelklasse unterscheiden: Sie weisen nur zwei Pritschen pro Abteil auf, sie reduzieren dadurch die Zahl der Toiletten-Mitbenutzer im Wagen um die Hälfte, und sie sind mit TV-Geräten ausgerüstet, was uns schnurstracks zur ersten Antwort auf die Frage bringt, womit man seine Zeit in der transsibirischen Eisenbahn verbringen kann. Mit Fernsehgucken, was, auf den ersten Blick, nicht nur eine merkwürdige Entscheidung ist, sondern gewissermassen ein Paradebeispiel für einen AAA (einen Astreinen Arschlochakt). Ich stelle mir vor, dass die Dicke von Mauern in einem Land wie Russland in Fauststärken gemessen wird, wobei eine Fauststärke der Dichte entspricht, die ein durchschnittlich gesunder erwachsener (und eventuell stimulierend angetrunkener) Mann oder eine entsprechende Frau mit einem regulären Faustschlag penetrieren kann. Nun muss man wissen, dass die Fauststärke der Abteilwände in der transsibirischen Eisenbahn stetig gegen Null strebt, was einerseits gut ist, weil es die Snobs in ihren Goldenen Abteilkäfigen vor allzu falschen Illusionen bewahrt, andererseits aber für diese Snobs dennoch zu einem Stressfaktor werden kann, wenn der Nachbar, was durchaus nicht unüblich ist, auch nach 12, 14, oder auch 16 Stunden TV am Tag noch hörbar begeistert ist vom hochdramatischen Angebot der postsowjetischen Rundfunkanstalten. Auf den zweiten, und korrekteren, Blick aber ist der vermeintliche AAA nichts Anderes als das Überschwappen des Arbeitsrosscharakters der Transsibirischen Eisenbahn in die Sphäre der Wunscherfüllungsmaschine: Die Chancen stehen gut, dass der Nachbar nicht zum Spass hier ist, sondern weil er von A nach B gelangen muss, und dass er die zigtausend Kilometer von A nach B zum x-ten Mal hinter sich bringt. In diese Art von Gleichung will man sich denn auch gar nicht als Unbekannte einmischen, weshalb man, über kurz oder lang, die TV-Geräusche aus der Nebenkabine als Teil des gesamtrussischen Klangteppichs, wenn nicht sogar Charmes, zu akzeptieren beginnt.

Option 2: Das Bordrestaurant Es ist eine gemeinhin anerkannte Wahrheit, dass ein Sachverhalt, über den sowohl vorteilhafte als auch weniger vorteilhafte Berichte im Umlauf sind, sich als wahr erweisen wird in Letzteren, aber selten in Ersterem. Oder so. Ein Beispiel: Ich habe eine Zeitlang ein Zubrot verdient als Stellvertreter eines Briefträgeres in meinem Heimatdorf. Über Briefträger kursieren, grosso modo, zwei Gerüchte: Dass die lokalen Hunde ein sehr angespanntes Verhältnis zu ihnen haben, aber die attraktiven jungen Hausfrauen dafür ein, drücken wir es galant aus, umso besseres. Nur eines von beiden ist wahr. Über das Bordrestaurant der transsibirischen Eisenbahn erzählt man sich ebenfalls zweierlei: Dass es ein exzellenter Ort ist, um Bekanntschaft oder gar Freundschaft zu schliessen mit anderen Reisenden über einem geteilten Glas Wodka, und dass das Essen überteuert, chronisch ausverkauft und in geradezu komischem Ausmass schlecht sei. Nur eines von beiden ist wahr.

Option 3: Das Auge des Malers, oder der Schischkin-Test Was also tut man den lieben langen Tag, wenn man nur geringfügig interessiert ist am Unterhaltungsangebot der russischen Fernsehsender und die Aussicht darauf, als einzige Gäste vor kaltem Reis in der Kantine zu sitzen, auch nur mässig attraktiv findet? 

Man bringt Zeit herum. (Was im Übrigen nicht dasselbe ist wie das englische "Killing Time", das Umbringen von Zeit. Die Zeit ist zu gewaltig hier, als dass man ihr etwas anhaben könnte.) Klingt nicht nach viel oder gar nach nicht genug? Der Eindruck ist irreführend, denn er zieht schlicht nicht in Betracht, in welchem Ausmass man Zeit hat hier. Man hat Zeit in rauen Mengen in diesem Zug. Man hat verdammt viel Zeit, man hat alle Zeit der Welt, Zeit in Unmengen, Zeit in einem solchen Übermass, dass man nie wusste oder völlig vergessen hatte, dass es dies überhaupt geben kann. Mit Langeweile hat dies allerdings nur am Rande zu tun, denn Langeweile ist Langeweile ist Warten wider Willen, ist das Unbehagen, nicht zu wissen, was man mit sich selbst und der Zeit anfangen soll zwischen zwei Zeitpunkten. Hier an Bord jedoch strebt die Zeit ins Unendliche, sie kennt keine Anfänge und kaum Punkte, an denen sie gemessen werden kann. Selbst die üblichen Hilfsmittel dazu geraten hier an ihre Grenzen: Die Bahnhöfe zeigen keine lokale, sondern Moskauzeit an, die elektronischen Geräte sind überfordert mit den Signalen, oder ihrem Mangel, der sie eichen sollte auf die geradezu unberechenbar wechselnden Zeitzonen. 

Und so nimmt man sich die Zeit, und macht das Beste daraus. Man döst. Man isst, brocken- und häppchenweise, ohne eigentliche Notwendigkeit und ohne jeden Rhythmus. Man liest. (In meinem Fall, ebenfalls ohne eigentlichen Rhythmus, eine Mischung als Bulgakow, Tolstoi, Timmerberg -- wem diese Zeilen auf die Nerven gehen, beschwere sich also bei den russischen Meistern oder dem deutschen Althippie.) Man schreibt, man zeichnet. Und wenn der Tag, irgendwie, doch noch vorbei geht, lässt man sich ein auf Nachtgedanken und -geräusche, die einem andernorts den Schlaf rauben würden, aber sich hier ausleben können und sollen, denn sie haben Zeit, wir haben Zeit, morgen wird der Tag wiederum lang werden, lang genug fürs Ausschlafen, fürs Weiterdenken, für Alles Mögliche.

Vor allem anderen aber blickt man aus dem Fenster, auf die Landschaft, mit ihrem ständig neu kombinierten, fixen Inventar: Dem Schnee, den Birken, der Lücke zu den Gleisen. Den Strommästen, den Nadelbaumstummeln. Den Haufen von Hütten inmitten ausschweifender Höfe, die so gedrungen sind, als dürfe nichts im Haus ausser Sicht- und Wärmweite des Herdes stehen. Den eingedeckten Spuren von etwas, das im Sommer eine Strasse hätte sein könnte. Den Transformatorstationen, den ausgehöhlten Hüllen von Fabriken. Den Krähen, den Elstern und diesen anderen fetten Vögeln da auf den Bäumen, die Rebhühner sein könnten, oder auch nicht (und für einmal ist es gut, keine Möglichkeit zu haben, dies zu überprüfen) Das ist so ziemlich alles, was man zu sehen bekommt, während Stunden, während Tagen: Eine Landschaft, so grenzenlos und gleichförmig wie die Zeit.

Und letztlich liegt die Antwort auf die Frage, ob die Transsibirische Eisenbahn für einen ist oder nicht, genau hier. Ich hatte, vor langer, langer Zeit, einen Test versprochen. Der lautet wie folgt: In der grandiosen Tretyakov-Gallerie in Moskau, deren Reiz für einen kunsthistorisch nur begrenzt gebildeten Besucher nicht zuletzt darin besteht, dass sie sich auf russische Künstler beschränkt und darum verhältnismässig arm ist an Superhits und -stars, die zu sehen man, bereits verstopft von den medial ausgebrüteten Vorstellungen von diesen Kunstwerken, sich verpflichtet fühlt, ist ein gesamter Saal Iwan Iwanowitsch Schischkin gewidmet. In diesem Saal finden sich Darstellungen von Bäumen und Wäldern. Exklusiv und ausschliesslich. Manchmal zeigt ein Gemälde ein spazierendes Paar, manchmal, in der Ferne, Forstarbeiter beim Fällen eines Baumes. Letztlich aber sind sie schmückendes Beiwerk, denn daran, dass die Bilder vor allem Bäume zeigen, gibt es keinen Zweifel. Nehmen wir darum an, Schischkin habe, was dieser Saal nahelegt, sein Leben dem Malen von Bäumen gewidmet. Der Perfektionierung des Borkenpinselstrichs, der Erlangung von Meisterschaft im Festhalten dieses einen entscheidenden Grüntons und der Art, wie der Schattenwurf, einen Ast weiter, die Nadeln um eine Nuance dunkler erscheinen lässt. Schischkin tat nichts anderes, war an nichts anderem interessiert: Sein Lebenszweck war das Malen von Bäumen.

Und nun fragen Sie sich: Finden Sie das deprimierend, eine Verschwendung von Talent? Oder können Sie dieser Manie, dieser Idiotie, dieser Hingabe an das Ewiggleiche (in dem, manchmal, wenn wir Glück haben, das Ewige durchscheint), so etwas wie Respekt, vielleicht sogar Bewunderung abtrotzen? In letzterem Fall besteht eine Chance, dass Sie, wie ich, in der Transsibirischen Eisenbahn glücklich werden könnten

#reisen

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