• Christof Zurschmitten

Grenzerfahrungen Pt. I: Russland


02. bis 03.03.2017, Transsibirische Eisenbahn

"Post Sowjet Desolation", postsowjetische Verwüstung, sind die Worte, mit denen unser Guide das beschreibt, was jenseits des Balkaisees, im enormen Dreiländereck zwischen der Russland, China und der Mongolei auf einen wartet.

Die Landschaft meint er damit nicht. Diese hat sich gewandelt, die Bausteine wurden ausgetauscht: Die Birken, diese allgegenwärtigen Sichtblenden in schwarzweiss, sind verschwunden. Überhaupt gibt es kaum mehr Bäume, kaum noch Vegetation, abgesehen von einigen schwindsüchtigen Sträuchern und gefriergetrockneten Gräsern. Das nimmt der Landschaft aber nichts von ihrer Grösse und Grossartigkeit, die sich nicht nur Augen bietet, die nicht nur schon durch die Aussicht auf Veränderung zur Begeisterung bereit sind. Die Berge, die wir gestern, 100 Kilometer jenseits des Baikalsees, noch gesehen haben, sind verschwunden. An ihrer Stelle bietet sich ein endloser Horizont, ein Schichtblattgericht aus erstaunlich vielfältigen Weiss- und Brauntönen, unter einem Himmel, der nahtlos aus dem Schnee hervorgeht, bevor er sich in das klarste Bau ergiesst, das man sich nur vorstellen kann.

Die postsowjetische Stimmung steigt auf von den Dörfern, die hier seltener geworden sind. Es ist offensichtlich, dass sie irgendwann in produktiveren Zeiten gebaut wurden ausserhalb der Sichtweite jeder anderen Siedlung, um eine Fabrik zu ermöglichen und zu bedienen. In den allermeisten Fällen ist dieses feurige Herz der Siedlung aber erkaltet und erloschen. Ein einzelner, massiver Wohnblock steht noch in jedem dieser Dörfer, unverkennbar weit entfernt von dem, was sich die Anwohner trotzig als Dorfkern erbaut haben. Ein Gebäude, das unverkennbar ein Neues Zeitalter hinklotzen sollte, das brutalistische Erzwingen von Fortschritt und der erste, überdimensionierte Baustein von etwas Urbanem, das, so dachte man wohl, hier entstehen würde. Kaum einer dieser Plattenbauten ist allerdings noch bewohnt, einige waren es offensichtlich nie. Fensterlose Löcher starren einem wie die Augenhöhlen eines Totenschädels entgegen, und was einem dahinter entgegenwinkt, sind einzig Bäume, die mit der Geduld und Zuversich des sicheren Siegers Stellung bezogen haben in diesen vertikalen Siedlungen. (Pripjat ist überall.) Die menschlichen Bewohner der Dörfer bevorzugen dagegen menschliche Häuser, dieselben einstöckigen, flachgezogenen und weitumzäunten Holzhütten, die man in ganz Sibirien sehen kann. Hier jedoch, wo der Schnee und der Winter bloss zu Besuch sein scheint (wenn auch mit der ganzen Rücksichtslosigkeit eines Steuereintreibers), scheint es schwieriger, die tröstende Vorstellung des Herdfeuers heraufzubeschwören, das als oberste Notwendigkeit in Sibirien die Gestalt dieser Häuser befriedigend erklärt. Nur manchmal, in zunehmend häufigen Momenten, für die man dankbar ist, entdekt man irgendwo in der Prärie frei herumstreunend eine Herde von breitschultrigen und gutmütig zotteligen Kühen, die zumindest eine Antwort auf die Fragen bieten, die einem hier ständig im Kopf herumgehen: "Wie, warum und von was Leben Menschen hier?"

Die Strafe dafür, sich über Fernsehgeräte in der transsibirischen Eisenbahn zu beschweren, ist offenbar Isolationshaft. (Wir reisen ausserhalb der Hochsaison, in der transmandschurischen statt der transmongolischen Eisenbahn, die die erste Wahl der nach Peking reisenden Touristen ist). Isolationshaft und Hitzestau. Die Temperatur im Wagen hat mittlerweile 28 Grad erreicht. Der einzige weitere Fahrgast neben uns , ein dunkelhaariger Russe mittleren Alters am anderen Ende des Wagens, läuft bereits mit blosser Brust herum. Unsere Provodnitsa (die Mädchen für Alles, die in der transsibirischen Eisenbahn jeweilsfür einen Wagen zuständig sind) hat ihre Uniform mit dem adretten Käppchen und dem langen Wintermantel aufgegeben, sie lässt ihre blattgold gefärbten Haare wallen und läuft in Kleidern herum, die einen vermuten lassen, sie schaue in den müssigen Stunden zwischen Bahnhöfen in ihrer Kabine heimlich Gymnastikvideos.

Warum wir langsam geköchelt werden, wird uns erst später klar. Es ist Teil der Grenzerfahrung, die uns beinahe den gesamten Tag lang beschäftigen wird, an dessen Ende wir in 12 Stunden kaum 15 Kilometer zurückgelegt haben werden. Die Sommertemperaturen im Wagen sind die pragmatische Lösung für das Problem, dass der Zug auf beiden Seiten der Grenze stundenlang stillstehen wird, bei zehn Grad minus Aussentemperatur, und langsam auskühlen wird. Denn während seiner Stopps ist er still-, um nicht zu sagen auf Eis gelegt, ohne Möglichkeit, Strom zu produzieren oder zu nutzen. Gründe, weshalb der Stopp überhaupt so lange dauert, dass der Wagen den vollen meterologischen Zyklus von Sommerriviera zu Sibirienwinter durchleben muss, gibt es eigentlich nur zwei: Erstens müssen die Räder ausgewechselt werden, da die russischen Züge, wie alles in diesem Land etwas breitbeinig drauf, eine grössere Spurbreite haben als die Nachbarn. Zweitens aber müssen Menschen kontrolliert werden, und wenn es darum geht, sind bekanntlich beide Grenzanreiner hier äusserst pflichtbewusst.

Allerdings geht nicht beides, Radwechsel und Ausweiskontrolle, gleichzeitig. Auf der russischen Seite hat man deshalb gut vier Stunden, die man in einer Grenzsstadt verbringen muss, die erbaut wurde mit dem geballten Charme eines von einem sowjetischen Städteplaners erdachten Fegefeuers: Abfall allüberall, eine gegen den Bahnhof gerichtete Ladenfront weist noch eine verwahrloste Apotheke auf, einen ruinierten Supermarkt und einen Betrunkenen, der noch vor Mittag so voll ist, dass er es nicht mehr schafft, Kurs zu halten auf die zwei Touristen, die er lallend ansprechen will. Und, natürlich, ein prunkvolles Hotel, das wieder einmal mit einem kollektiven Schulterzucken irgendwo im pränatalen Zustand aufgegeben wurde. Kein Kofe oder sonst etwas in Sicht, das helfen könnte, die Zeit herumzubringen.

Bleibt die Wartehalle des Bahnhofs, die man, als habe jemand doch noch Erbarmen gehabt mit den am Nicht-Ort festgesetzten Reisenden, immerhin grosszügig gestaltet hat. Spiegelblanke Marmorfussböden, die unweigerlich mit Strassenschlick zu verdrecken man sich schämt; meterhohe, mit Halbrosetten abgeschlossene Fenster und Kronleuchter, die aussehen, als hätte die Blüte des Frauenschuhs für sie Modell gestanden; und eine Gallerie, getragen von irgendwie korinthischen Säulen. Es gibt sogar eine Bibliothek hier, die nicht etwa Flughäfenromane bietet, sondern Edelausgaben von Walter Scott oder Balzac. (Allerdings alles strickt auf russisch.) Hier lässt es sich aushalten, im Prinzip, auch wenn keiner der Reisenden den Bänden grosse Beachtung schenkt. Die Aufmerksamkeit gilt eher einem Fernseher, auf dem "Karusell TV" läuft, das lokale Kinderfernsehen, und es hält definitiv mit nichts zurück: Die Abgründe der internationalen Sparfuchs-Computeranimation und Pseudo-Anime-Produktion erstrecken sich lückenlos vor einem. Noch davor haben wir jedoch Anrecht auf "Bum Tschoi", die sendunggewordene (und 100% ironiefreie) Manifestation aller Schreckvorstellungen, die sich in die Jahre gekommene Kinderhasser von "Den Jungen heutzutage" machen. "Bum Tschoi" bietet, in gebührend hoher Schnittfrequenz, unter anderem: Einen skateboardenden Moderator, der offensichtlich zeitlebens nie auf einem Skateboard gestanden ist; eine Moderatorin, die in sich den Sexappeal der frühen Britney Spears mit dem der späten Pippi Langstrump vereint; einen Superhelden im Latexkostüm mit obszön schwankender Gummiflamme auf der Stirn; und ein weises Hybridwesen, ins Leben gerufen durch die wild gestikulierenden Händen eines unterbezahlten Schauspielers und einem Golden Retriever-Kopf unter einem Piratenhut, dessen Kiefer sich beim "Sprechen" zwar nicht bewegen, der aber auch so den existentiellen Weltschmerz aller nie laut geäusserten "Was zur Hölle tue ich hier eigentlich?!"-Hilferufe zum Ausdruck bringt.

Wem das dann doch zu viel wird -- und jeder hat seine Grenzen -- sucht Ausflucht andernorts. Eine Frau mit rosa Strickmütze, modischen Stiefeln und einem gestrickten Kleid über einer Trainerhose hört lautstark Metal auf ihrem Smartphone. Ein Mädchen mit pailletenbeschlagenen Absätzen und grenzasiatischen Zügen schneidet sich mit einer Nagelschere die Haarspitzen und kümmert sich nicht weiter darum, wohin diese fallen. Ein anämischer Student mit Mitessern im Gesicht passt auf sein Euphonium auf und scheint so ziemlich der einzige Mensch hier zu sein mit mehr Interesse an Gesichtern als Bildschirmen. Und neben vielen von ihnen stehen enorme Taschen, in denen ganze Haushalte oder Leichen transportiert werden könnten, bauchig und mit Mustern wie prächtige 70er-Jahre-Tapeten.

Irgendwann sind selbst vier Stunden herum, und wir können zurück in den Zug. Und jetzt beginnt die Grenzerfahrung erst richtig. Russische Zollbeamte kommen an Bord und tun, was Beamte in Russland am liebsten tun: Sie demonstrieren Autorität. In Russland ist dies, quasi von ganz oben verordnet, immer mit einem gewissen Machismo verbunden. Den Drogenhund können wir nach allem, was wir gesehen haben heute, zwar nicht mehr ernst nehmen, denn er ist ein Golden Retriever. (Ohne Piratenhut, immerhin.) Aber ansonsten wird uns die volle Show geboten: Eine kleinwüchsige, aber umso strenger dreinblickende Frau will unsere Pässe sehen. Sie befiehlt uns in knappen Worten, uns zu erheben und in den Gang zu treten. Daraufhin prüft sie, wiederholt und als hätten Russen Probleme damit, westeuropäische Gesichter zu unterscheiden, ob die Abbildung auch der Realität entspricht. Brille aufsetzen. Brille abnehmen. Absitzen. Wie spricht man diesen Namen aus? (Wie wiederholt ihn 3x, mit zunehmendem Erfolg.) Was tun Sie in Russland? (Nicht mehr viel, denn wir reisen aus, nicht ein, was aber kein Grund dafür ist, das Protokoll abzukürzen.) Die Frau verschwindet mit unseren Pässen, darauf betreten mehrere Männer in Uniform den Wagen und beginnen, ihn

auseinanderzunehmen: Potentielle Drogen und Waffen finden sich in den Fächern hinter unseren Kopfteilen. Unter unseren Stühlen. Über unseren Köpfen. Die Drogen KOMMEN AUS DEN WÄNDEN. (Potenziell, zumindest.) Belüftungsgitter werden abmontiert. Eine Leiter kommt zum Einsatz. Unsere Rucksäcke will dagegen niemand sehen. Als wir auch noch Schritte auf dem Dach hören, sind wir zufrieden: Einschüchterungsmasche -- läuft.

Mit den Pässen wieder "auf uns", wie man als Reisender so beruhigend sagt, beginnt endlich die Weiterfahrt. (Selbst die Toiletten, die während alledem geschlossen bleiben müssen, werden uns von unserem zuvorkommenden Schaffner für exakt sieben Minuten aufgeschlossen. Ihr kontrolliert vielleicht unsere Gesichter, als wären wir Verwandlungskünstler mit explosiver krimineller Energie, aber dafür scheissen wir auf eure Grenze.) Sieben Minuten später steht der Zug erneut, und wir sind in China.

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