• Christof Zurschmitten

Schamlos in der wartenden Stadt


Irgendwann Mitte März, Shangri-la

Im Folgenden geht es um die Abwesenheit von Scham, und deren Unbegreiflichkeit, weshalb der Text nicht anders beginnen kann als mit einem Geständnis: Ich muss regelmässig Tränen der Rührung zurückhalten, wenn ich Zeuge von etwas werde, das mir erstmals in Guilin begegnet ist, dann erneut, und diesmal in ausgereifterer Form, in Kunming und Lijiang, bevor ich es heute, in Shangri-la, erstmals in seiner Vollendung gesehen habe: Tanzende Menschen. Gemeinsam tanzende Menschen, die sich zusammenfinden, immer wieder, um sich in der allergrössten, alle Alters- und Standesunterschiede ignorierenden Selbstverständlichkeit in aller Öffentlichkeit im Kreis zu drehen, hüpfend, die Hände verwerfend, schwitzend, stundenlang.

Diese Art des Tanzes, über die ich in aller Vorsicht nicht zu viel wissen, aber noch etwas schreiben will, scheint in ganz China (zumindest aber in ganz Yunnan) verbreitet zu sein, aber sie könnte wohl keinen passenderen Rahmen finden als diesen Ort. Shangri-la hiess Zhongdian, bevor die chinesische Regierung Ende 2001 beschloss, dieser auf mehr als 3000 m. ü. M. gelegenen Stadt den Namen des Sehnsuchtsorts zu verleihen, den ein britischer Schriftsteller in den 30er Jahr erfunden und der, trotz intensiver Suche zahlloser Laowais, nie gefunden werden konnte. Die Stadt schien das Schicksal, zum Paradies auf Erden ernannt worden zu sein, etwas unerwartet zu treffen. Sie konnte zwar aufwarten mit einem selten reichen Gemisch an Bräuchen und Ethnien, einem der grössten und beeindruckendsten Klöster des Landes und einer gut erhaltenen, zierlichen Altstadt. Aber mit allem anderen scheint man bis heute etwas überfordert zu sein.

Man muss nicht erst in Shangri-la ankommen um eine Ahnung davon zu bekommen, wie übereilt die Gegenwart hier Einzug zu halten versucht hat. Der Reisecar hält bereits mehrere Kilometer vor der Stadt bei einer Reihe niedriger Gebäude (halb Schuppen, halb Garage), vor denen Schweine im Staub wühlen und eine Gruppe von maschinengewehrbewehrten Polizisten in Stiefeln und dunklen Cowboyhüten sich die Hände wärmen an einem Feuer, das in einer aufgeschnittenen Öltonne flackert. Die Reisenden müssen einzeln vortreten und sich auszuweisen; die Identitätskarten der chinesischen Passagiere werden gescannt, während die Daten der Ausländer von Hand in ein Formular eingetragen werden von einem Polizisten, der offensichtlich nicht weiss, mit welchen Schriftzeichen "Japan" oder "Schweiz" zu schreiben ist. (Der Buschauffeur, rauchend und mit einem Blick zum Buddhaschrein, der als einziges im Halbdunkel der improvisierten Polizeistation zu sehen ist, diktiert sie ihm und bringt es fertig, es dabei weder an Respekt noch Amüsement mangeln zu lassen.) Das hier ist, wie A. feststellt, nicht nur Hochgebirge, es ist Leone-Territorium.

Wieder unterwegs stellt man bald fest, dass die einzige Strasse, die Shangri-la mit dem Resten Chinas verbindet... schlicht nicht fertig ist. Der Bus müht sich die letzten Kilometer vor der Stadt ab auf einer staubigen Piste voller Schlaglöcher, die auf einer (gesperrten) Spur planiert ist, aber nirgends asphaltiert. In der Ferne ist eine Eisenbahnbrücke zu sehen, die bereits aufgebaut wurde, obwohl noch nicht einmal die Pfeiler, auf denen die Gleise irgendwann Schnellzüge in die Stadt führen sollen, gegossen sind.

Die Neustadt (Shangri-la ist mittlerweile angewachsen auf mehr als 130'000 Einwohner) wirkt, als sei sie mit ähnlicher Planlosigkeit, aber mit grosser Eile aufgebaut worden: Strassen im Planquadrat, und sonst, buchstäblich, nichts. Keine Parkanlagen, keine Plätze, keine Fussgängerzonen, keine Versuche, den Fluss, der die Stadt durchquert, anders in Szene zu setzen denn als in Betonfesseln gelegte Kreatur. Eine Stadtplanung, als hätte sich das Geodreieck von seinen menschlichen Beherrschern mit ihren kümmerlichen Bedürfnissen losgesagt.

Vielleicht wurde bei der Planung auch schlicht auf die Altstadt gesetzt, die sich absolut sehen lassen kann: Enge Gassen, die sich unermüdlich winden und kräuseln und, immer im richtigen Moment, öffnen zu überschaubaren Plätzen, die wirken wie ein Atemholen; alte (oder alt wirkende -- diese Unterscheidung ist in China grundsätzlich unerheblich) Häuser mit geschnitzten Schiebetüren und durchhängenden Dächern, die mit verzierten Ziegeln gedeckt sind... die Altstadt von Shangri-la ist, wie man so schön sagt, pittoresk, ein organisch gewachsenes Naherholungsgebiet gewissermassen, um das herum die Neustadt krebsartig wachsen kann, ohne sich um das Wohlbefinden ihrer Bewohner kümmern zu müssen, die dort Zuflucht genug finden. Im Prinzip.

Das Problem bei alledem ist nämlich: Die Altstadt von Shangri-la ist vor knapp fünf Jahren niedergebrannt, und auch wenn die Wiederaufbaubemühungen gut vorangekommen sind und die Altstadt als verjüngte Kopie ihrer selbst zu einem guten Teil wiederauferstanden ist, sind die vielen verschlossenen Türen mit ihren "Zu vermieten"-Schildern doch ein Mahnmal dafür, wie viele Existenzen im Feuer ihre Grundlagen verloren und bis heute nicht wiedergefunden haben.

Das erste Bild, das ich in Shangri-la mache, ist insofern ein Symbolbild -- es steht ganz oben in diesem Artikel.

Shangri-la ist eine wartende Stadt. Sie wartet auf die Rückkehr der Touristen, auf die Ankunft des Fortschritts, auf die Installation von Heizungen, auf die Strasse, auf den Zug, sie wartet auf die Wiederkehr der Guten Alten Zeiten und sie wartet, vor allem anderen, auf das Einlösen des Versprechens, das ihr gemacht wurde, als sie ihren Namen eingetauscht hat gegen dieses verballhornte Hirngespinst, das vielleicht nur ein Ausländer sich in seiner ganzen Naivität ausdenken konnte und die meisten Chinesen nicht einmal aussprechen können.

Shangri-la wartet, und während es wartet, tanzt es. Jeden Abend, pünktlich um 19.00 Uhr, auf dem Hauptplatz der Altstadt, inmitten von Häusern, die vergessen machen wollen, dass sie vor Kurzem noch nicht mehr existierten. Ich werde mich hüten, etwas, das so offensichtlich aus dem Körper, aus dem Bauch, und ja, natürlich, aus dem Herzen heraus entsteht, durch Recherche tot zu machen, weshalb ich nicht weiss und nicht wissen will, ob hier ein tibetischer Brauch oder einer der Naxi oder der Yi oder der Bai oder was weiss ich, gepflegt wird oder wir es hier mit etwas zu tun haben, dass die Menschen von Shangri-la ins Leben gerufen oder am Leben erhalten haben, um sich, immer wieder, ins Gedächtnis zu rufen, dass sie überlebt haben, dass sie leben, und dass dies Grund genug zum Feiern ist. Jeden verdammten Tag.

Jeden Tag finden sich mehrere Dutzend Personen auf diesem Platz ein, Greise, alte Frauen in traditionellen Kostümen, Jugendliche in Trainingsanzügen, Mütter, Kinder, Köche, Väter, um lassen aus Lautsprechern mit Schnatterbässen und Kitschsynthezisern aufgemotzte Volkslieder erklingen zu lassen , und zu tanzen, im Kreis, stundenlang, zu den immerselben Liedern, in einer Choreographie, die alle hier mit einer Selbstverständlichkeit ausführen, dass unvorstellbar ist, dass sie dies irgendwann einmal gelernt haben. Eine Handvoll Touristen steht unweigerlich dagegen, manche von ihnen still beobachtend, andere blöd gaffend, doch irgendwie scheinen sie alle zu respektieren, dass dies nicht ihre Sache ist, dass dies nicht für sie ist.

Und einer der Touristen, wenigstens, steht daneben, und kann es schier nicht fassen: Wie so viele Menschen in so grosser Selbstverständlichkeit zusammenfinden können, zu etwas, das dort, wo er her kommt, nie stattfinden könnte ausserhalb eines eng gezogenen Rahmens, nie ohne Selbstbetäubung oder -vergiftung, die helfen müssten zu vergessen, dass man sich für so etwas zu schämen hat, für die Unbeholfenheit, für die Nähe, für die Offenheit und Öffentlichkeit. Und irgendwann, nach dem zweiten oder dritten Lied, bemerkt er plötzlich, dass er Tränen zurückhält (natürlich hält er sie zurück, denn er schämt sich, ein wenig), und dass das, was er nicht fassen kann, vor allem sein eigenes Glück ist.

#reisen

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