Was vom Jahr übrig blieb: 2014 in Spielen
Tuesday, January 13th, 2015 at 07:30

Auch das Spielejahr 2014 wurde auf nahaufnahmen.ch im Rückspiegel betrachtet, und war mir dabei vermutlich nähergetreten, als es den Anschein hatte. Die Kurzfassung: es war ein Jahr, in dem sich Abgründe auftaten, die sich nicht so einfach durch freudige Trippelhüpfer überspringen liessen. Warum dies so war, steht in der Langfassung unten.

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Auf nahaufnahmen.ch habe freilich nicht nur ich mich verewigt, sondern das gesamte Ressort Spiele. Auch wenn der Bassdrum of Doom durch alle Beiträge hallt, empfehle ich nachdrücklich, den Original-Artikel zu inspizieren. Er bietet nicht nur viele Empfehlungen für gelungene Spiele,  die alles etwas besser dastehen lassen, sondern auch die vielleichte ultimative Gamergate-Verabschiedung von der Autorin des Hirzepinzchen. Insofern: gehet hin und leset. Für die Eiligen aber gibt’s hier meine Sicht der Dinge.

Das Spielejahr 2014 wird insgesamt einen eher bitteren Nachgeschmack zurücklassen. Dass das Negative das Positive überwiegt, liegt teilweise am Transitstatus: Ich habe die Veröffentlichung der neuen Konsolengeneration in 2013 als eine Absichtserklärung beschrieben, der die Argumente fehlten. Daran hat sich auch in 2014 nur wenig geändert: Im Trott der jährlichen Franchiseaufwärmungen liefern die neuen Konsolen immer noch nur wenige Gründe – seien es überzeugende Exklusivtitel oder wirklich spürbare technische Fortschritte –, warum man nicht festhalten sollte an der bewährten Kombination eines Spiele-PCs und einer altgedienten Konsole. Ausgerechnet die WiiU, die technisch schwächste Plattform, etablierte sich 2014 als interessante Option für das „Neue“: Spiele wie Mario Kart 8 bewiesen einmal mehr, dass Nintendos absolut selbstsicherer Perfektionismus auch altgediente Serien wie neu dastehen lassen kann – ganz abgesehen davon, dass die Nintendo-Titel die Realismus nachhechelnden Konkurrenten auf den vermeintlich erwachseneren Konsolen recht uninspiriert dastehen liessen.

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Was vom Jahr übrig blieb: 2014 in einigen Filmen
Tuesday, December 23rd, 2014 at 08:15

Für nahaufnahmen.ch habe ich über schöne Dinge in schönen Filmen geschrieben, die mehr oder minder zufällig 2014 erschienen sind. Lieblingsfilme? Nicht unbedingt. Lieblingsmomente? Auf jeden Fall.

Nur fürs Protokoll: Wäre der Text einen Hauch später erschienen, oder wären meine Finger nicht schon verkrampft gewesen nach den folgenden Zeilen, hätten einige andere Filme unbedingt auch noch erwähnt gehört: dies gilt insbesondere für Hayao Miyazakis verwirrendes Meisterwerk Le vent se lève (und ja, französisch — der Titel ist schliesslich ein Valéry-Zitat), Wes Andersons The Grand Budapest Hotel (die Ski-Verfolgungsjagd war die vermutlich charmanteste Actionsequenz des Jahres) und die Vampir-Doku What We Do In The Shadows (der mit Abstand intelligenteste saublöde Film in 2014). Aber um Vollständigkeit geht es nicht, sondern nur um Freude. Die folgenden Filme boten viel davon.

boyhood

Richard Linklaters Boyhood, oder: Das Konzept

Richard Linklater ist der Chronist, den unsere Zeit verdient. Und wenn nicht das, dann wenigstens der wichtigste Chronist aller Möglichkeiten, Hemden halb in die Hose zu stecken. Erst letztes Jahr lieferte er mit dem dritten Teil der Before-Trilogie, beinahe zwanzig Jahre nach ihrem Anfang, emotionale Wahrheitsbomben im Megatonnenbereich. Und dabei versteckte Linklater die längste Zeit ein noch ambitioniertes Projekt: Boyhood, der während zwölf Jahren portionenweise gedreht wurde und seinen Charakteren ebenso wie ihren Schauspielern beim Reifen und Wachsen zusieht. Linklaters jüngster Film ist vieles zugleich: eine beeindruckende Charakterstudie am lebenden Objekt, populäre Geschichtsschreibung, ein Testament für die Kraft unabhängigen Filmschaffens, und Linklaters endgültiges Ticket für die Regie-Riege der Wichtigen unserer Zeit. Ein (oder besser: noch ein) Film, der nicht nur unter die Haut geht, sondern direkt unter den Rippenkäfig ins Zentrum fährt, memento mori und YOLO zugleich.Kein Zweifel daran.

Und dennoch… und dennoch bleibt eine Frage offen: ob letztlich der Respekt vor dem Konzept nicht doch die Liebe für dessen Umsetzung ein wenig überwiegt. Was auch immer die richtige Antwort ist und wie auch immer in Zukunft auf den Film geblickt werden wird: Linklater wird dabei sein, hellwach, und uns beobachten, liebenswürdig wie eh und je.

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WASD 6: The Pilgrim’s Regress
Wednesday, December 3rd, 2014 at 07:49

Die sechste Ausgabe der WASD ist erschienen, sie ist immer noch das formschönste deutschsprachige Game-Bookazine, und ich bin wieder dabei. Mit einem Text, der das vorgegebene Thema “Retro” beim Wort nimmt und eine Pilgerreise durch Westeros in Minecraft skizziert.

pilgrim

Zwei Schritte vorwärts, einer zurück: in diesem hirn- und herztötenden Rhythmus, an dessen Ende so etwas wie Erleuchtung oder doch zumindest Langeweile steht, bin ich einen Abend lang durch Minecraft gewandert. Im O-Ton klingt das dann ungefähr so:

Eine Pilgerreise im Pilgerschritt ist, wenn man so will, das perfideste Spiel des Mittelalters: umrissen durch klare Regeln (vorwärts, vorwärts, rückwärts), ein klares Ziel (Jerusalem, or bust!) und den denkbar deutlichsten win state: religiöse Ekstase oder Verrecken irgendwo am Wegesrand?

[...]

Der Himmel ist gigantisch, und mit ihm die Sonne. Ich hasse sie, und ich liebe sie: sie ist der schönste Anblick des Tages, der letzte Rest Einmaligkeit. Ich hasse sie, denn mit ihr kommt die Nacht, und die Erkenntnis, dass  ich nicht weiter gekommen bin als bis hier. Die Sonne versinkt und ich frage mich: Gibt es keine  Himmelsrichtung westlicher als Westen?

Ich schätze, ich bin ganz zufrieden mit dem Text, und sei es nur so weit, dass ich eine Schnappsidee trotz aller Widerstände (dem wichtigsten: ein “Warum tust du dir das an?!”-schreiender Resten Verstand) durchziehen konnte, meine Lieblingsgeschichte aus 1001 Nacht zitieren durfte, und eine Kickass-Illustration spendiert bekommen habe. Mehr kann man nicht erwarten. Und falls doch: hier kann der geneigte Leser die Ausgabe für einen Almosen käuflich erwerben, und hier gibt’s für die Ungläubigen eine Leseprobe.

Interview mit Till Kleinert auf negativ-Film
Sunday, November 16th, 2014 at 15:23

Über das NIFFF 2014 habe ich hier wie dort (und da auch noch!) bereits Worte verloren. Dennoch blieben einige der besten Filme des Fantasy-Sommers unerwähnt. Wenigstens in einer Hinsicht wird das gründlich nachgeholt: Till Kleinerts Der Samurai ist, und so viel Schwelgen darf sein, einer der interessanten deutschen Filme des Jahres: eine androgyne Gestalt schlägt über den Verlauf einer traumschweren Nacht gewaltsam Breschen in die Selbstverständlichkeit eines Dorfes, lässt dabei schwallweise Blut fließen und die Popkultur aus den verrufensten Ecken der Erde herein.  Mit beeindruckender Selbstverständlichkeit verschmilzt Till Kleinert Märchen und Genre-Kino, Coming Out-Drama und Splatter und siedelt sie um auf den für derartige Experimente bislang wenig fruchtbaren Boden der deutschen Provinz. Wer direkt mehr will, soll zu negativ-film.de eilen — der Rest bleibt noch hier für ein wenig Geswoone.

[Und ja, Mensch-der-nur-für-Gamesartikel hier ist: wir sprechen im Interview auch über Final Fantasy und die Verschärftheit von Sepiroths Silhouette.]

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Falls es doch noch ein wenig Überzeugungsarbeit sein darf: Der Samurai könnte für ein sehr exakt definiertes Klientel nicht weniger bedeutend sein, als, und ich sage das bei Gott nicht leichtfertig, Brian Lee O’Malleys Scott Pilgrim. Till Kleinert trifft mit einem unverkennbar persönlichen Werk  exakt das, was man so gerne “Befindlichkeit” nennt. Und, was entscheidend ist: der Film tut dies mit Mitteln, die mindestens ebenso sehr zu dieser Befindlichkeit sprechen wie alles, was damit gezeigt, gefeiert und enthauptet wird.

Nennen wir das meme-geschädigte Kind beim Namen: It’s all about the pop. Wenn Kieron Gillen mit der ihm eigenen bastardharten Präzision das Wesen von Scott Pilgrim beschrieben hat wie folgt, dann könnte er damit auch den Samurai meinen:

“Its joy — and why it speaks to so many people — is that it understands the pulp through which we see the world, and assumes that’s as natural as blinking.”

Das “so many people” mag dahingestellt sein im Falle von Der Samurai, der allein durch seine wunderbare nonchalante Queerness konservative Gemüter verstimmen mag. Ein guter Teil des NIFFF-Publikums verliess jedenfalls den Kinosaal, bevor der Abspann zu Ende war (gerüchtehalber sogar Teile der Jury). Doch für den besseren, kleinen Teil derjenigen, die sitzen blieben, war es eines der entschiedenen Highlights des Festivals. Anders gesagt: der Film spricht weiss Gott nicht alle an. Zu denjenigen, die sich angesprochen fühlen, spricht er allerdings mit dieser Intensität:

scream

Dieser selige Moment, in dem man eine Verwandtschaft fühlt mit dem Schöpfer eines Werkes, weil man weiss, dass man sich stundenlang über Bücher, Filme, Games und all das andere Gekröse unterhalten könnte, dem man so leichtfertigerweise und ohne jedes Bedauern einen guten Teil der wachen Stunden opfert? Er war da, unmittelbar, und wurde mit jeder der ausführlichen Interview-Antworten von Till Kleinert grösser.

Falls man also tatsächlich noch einen besseren Grund braucht dafür, das Interview zu lesen, als den, mehr zu erfahren über einen der schrägeren und zugleich absolut stimmigsten Filme des Jahres — Der Samurai und das dazugehörige Interview sind der kürzeste Weg zu meinem Bücherregal. Gut genug? Dann alle Augen auf da drüben.

∓10 short thoughts on 50 short games
Friday, November 14th, 2014 at 12:20

*knöchelknacken* *imHandbuchFürAnfängerBlättern* *tiefDurchschlucken*.

So.

Stephen ‘thecatamites’ Murphy ist die graue Emminenz Hirnmasse im kollektiven Kopf der sehr merkwürdigen, sehr selbstständigen, sehr kommerziell unbescholtenen Game-Entwicklerszene. Mit anderen Worten: er ist mit das Beste, was dem Medium seit den glorreichen Tagen von Cactus und Messhof widerfahren konnte. Für Videogame Tourism habe ich einige Gedanken zu seinem ersten faux-kommerziellen Projekt 50 short games niedergeschrieben. Enthält: Silver Jews- und Eno-Zitate, QUALITÄTS-Onomatopoesie, eine Liste potentieller Computerspiele. Enthält nicht: Stringenz.

50short games

Und falls es doch noch ein wenig Hintergrundwissen sein muss, gratis franko und frei Haus: Space Funeral wartet da draussen, ein in Blut geschriebenes JRPG mit Madame Psychosis als DJ. Murder Dog IV: Trial Of The Murder Dog lehrt uns Gerechtigkeit in Knetmasse. Und Goblet Grotto weiss, wie das war, damals, als Spiele mit Handbüchern kamen und einem stossweisen Abschied ins technologische Nirvana. Gehet hin, ladet daun und spielet. Hier aber: Keine Rede mehr davon, sondern von 50 short games. Und das klingt dann ungefähr so:

Natürlich fährt der Wind diesen zerbrechlich gezimmerten Gebilden ganz übel durchs Gebälk, treibt sie zum Platzen entlang ihrer dahingepfuschten Nähte und lässt sie ganz ordentlich schlottern in ihren klappernden Gelenken… entscheidend aber ist: Der Wind, er ist der Wind of Change (F / dm / F / dm / am / dm / am / G)

Nicht wenige dieser kurzen Spiele zeigen uns Angst in einer Faustvoll Pixel. Bei einigen Spielen ist es die von thecatamites, in den meisten unsere selbst.

David Sherman sang, programmatisch schief, in einer der denkwürdigsten Song-Zeilen der 90er Jahre: „All my favorite singers couldn’t sing.“ Denkwürdiger Gedanke: all besten Game-Designer spielen keine Spiele.

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