Für nahaufnahmen.ch habe ich über einen notorischen Spätzünder der Indie-Szene geschrieben, Andy Schatz’ Heist-Simulator Monaco — What’s Yours Is Mine. Eine Premiere für mich: Nicht nur, dass ich quer liege zum einhellig wertschätzenden Kritik-Konsens — ich sehe beim besten Willen nicht, wie es anders sein könnte. So etwas beschäftigt mich.
Der “Kritische Konsens” ist eine seltsam amorphe Masse, dabei aber von unglaublichem Gewicht. Kaum jemand, der sich (wie amateurhaft auch immer) als “Kritiker” versucht, ist frei von der enormen Anziehungskraft, die von Rotten Tomatoes, Perlentaucher oder Metacritic ausgeht. Es bedeutet schon eine ungeheure Anstrengung, ihr zumindest so lange zu widerstehen, bis man seinen eigenen Beitrag zum “Kritischen Konsens” verfasst hat. Die Nähe, sie scheint unvermeidlich, auch wenn dies nur ungern zugegeben wird. Der gute Ton gebietet das Einhalten einer Distanz, die man gerne “gesund” nennt und irgendwo verortet zwischen den Polen einer faulen Meinung, die ständig abweicht vom Konsens und derjenigen, die es nie tut.
Ich selbst rede mir gerne ein, der Kritische Konsens diene mir persönlich zu mehr als nur der Befriedigung extrem simpler psychologischer Bedürfnisse: Wenn meine Eindrücke bewusst (und, öfters, unbewusst) im ständigen Wechselspiel von Abstossung und Angleichung eine Art Lunar Lander mit der Allgemeinen Meinung spielen, dann lerne ich etwas dabei. Über meine eigenen Vorlieben, Vorprägungen und Vorurteile. Über die anderer Leute. Darüber, welchen Kritikern ich trauen kann, und welchen nicht. Und welchen meiner Meinungen. A serious game, this is, aber eines, von dem ich beinahe immer etwas mitnehmen kann.*
Bis heute. Denn Andy Schatz‘ Monaco ist der seltsame Präzedenzfall eines Spiels und einer Meinung, mit denen ich, wie man so schön sagt, nicht das Geringste anfangen kann. Mir fehlen die Werkzeuge. Dazu, das Spiel zu verstehen, dazu, die Meinungen über das Spiel zu verstehen, und, und dies ist das Irritierendste von allem: Mir fehlen die Instrumente dazu, meine Meinungen über diese Meinungen zu verstehen. Dabei ist gerade das meist so furchtbar, trügerisch leicht geworden:
– Beasts of The Southern Wilds? Die Zahl der Menschen, die Schlamm nur aus Levis’ Commercials kennen, ist gross im 21. Jahrhundert, und sie wächst ständig.
– Alan Wake? Es gibt genügend Menschen, die tontaub genug sind um nicht zu merken, dass Stephen King besser ist als sein Ruf.
– Inception? Viele Menschen lieben die Illusion, herausgefordert zu werden, nicht die Herausforderung selbst.
Bei Monaco jedoch habe ich nichts in den Händen. Nada. Das Spiel ist ein klarer Fall, scheint mir: Ich sehe, wo auch immer ich hinschaue, ansprechende Pläne, aber kaum einen davon sauber umgesetzt. Ich sehe ein Spiel, das, unter idealen Bedingungen, kompetent darin ist, einen seine Schwächen vergessen zu lassen. Und müsste ich diese Schwächen beschreiben, ich wüsste nicht, wo ich anfangen soll. Oder besser: Ich wüsste nicht, warum ich es tun sollte. Die Karten liegen offen auf dem Tisch – Monaco hat gelegentlich eine gute Hand, aber oft genug ist es Bluff. Warum nur scheint dies niemand zu sehen?
Nicht, dass ich mich nicht bemüht hätte, ein wenig. Ich habe mir den Kritischen Konsens angeschaut. Doch er scheint bei Monaco nach eigenen Regeln zu spielen. Was ich gelesen habe, schien mir furchtbar vage, vielleicht deshalb, weil es scheinbar so wenig zu tun hat mit dem Spiel, das ich gespielt habe. Und unter uns: Ich verstehe ja nicht einmal, warum ich mir die Mühe machen sollte, diese sonderbaren Regeln zu erlernen.
Insofern frage ich mich, ob Monaco, bei aller neonfarbenen Niedlichkeit, nicht das brutalste Killerspiel ist, das mir je untergekommen ist: Es tötet allen Ehrgeiz in mir, jegliche Lust, seine Irritationen als Herausforderung zu verstehen.
Dass ein Spiel mich an den Punkt bringen kann, an dem ich nicht einmal mehr weiss, wie ich mich zu dieser Lethargie verhalten soll, ist bemerkenswert. Dass es dieses Spiel trotzdem nicht bemerkenswerter macht, ist dagegen ein Wunder. Und Wunder erklären zu wollen ist oft genug die Beschäftigung von Narren.
*Kirk Hamilton hat gerade eine Woche Auszeit vom Internet genommen und dabei festgestellt, wie angenehm es sein kann, dem Reflex zu widerstehen, nach jeder Sichtung eines Filmes, einer TV-Serie oder eines Buches unverzüglich Richtung Kritikmeinung zu rennen — aus dem einfachen Grund, dass die eigene Meinung gelegentlich Zeit braucht, sich zu setzen: “It was pretty cool to take a week and sort of stew in my own juices a bit, and think about what I really thought of each thing before reading the opinions of others.” Irgendwann werd ich mir das auch leisten können.







