• Christof Zurschmitten

Von allen guten Geistern verlassen


KRITIK von Frank Millers The Spirit-Verfilmung, die als Beweis dafür stehenbleibt, dass auch früher schon vieles im Argen lag im Sektor der Comic-Adaption. Comic-Grösse Frank Miller ("Sin City", "300") versucht sich als Regisseur und verfilmt den hierzulande wenig bekannten Comic "The Spirit". Was als Tribut an ein Idol gemeint war, ist im Endresultat nichts weiter als ein verdammtes Desaster. Man könnte es sich ja einfach machen und schreiben: "The Spirit" erinnert uns wie-der einmal daran, warum Comic-Verfilmungen einst zu Recht als Müllhalde des Kinos galten. An die Zeit, als man sich dort im Falle akuter Inspirationslosigkeit umsah, um mit viel finanziellem, aber wenig künstlerischem Aufwand einen todsicheren Lizenshit zu produzieren. "The Spirit" ist chauvinistisch und pubertär, ballert unmotiviert mit Effektgewittern um sich und steht am Ende dümmer da als sein Publikum, dem er erfolglos Einfalt als Camp verkaufen will. Basta, wieder mal einen Kinoeintritt gespart. Doch dazu später mehr. Goldene Zeiten Der Respekt verbietet es nämlich, die Sache so einfach abzuhaken, der Respekt vor einem Mann namens Will Eisner. Eisner, 2005 verstorben, gilt als vermutlich herausragendster Künstler des "golden age of comic". Sein Umgang mit dem Medium suchte in den 40er-Jahren seinesgleichen, seine revolutionären formalen Innovationen wirkten aber über diese Zeit weit hinaus: Bis heute führen ihn nicht wenige Comic-Künstler als entscheidenden Einfluss auf ihr Schaffen an - unter ihnen ein gewisser Frank Miller. (Doch zu diesem später mehr.) Eisners berühmteste Schöpfung, die gerade verfilmt wurde (dazu später mehr) ist "The Spirit", die Geschichte des totgeglaubten Polizisten Danny Boyle, der von der Anonymität des Quasi-Grabes aus Verbrecher jagt. Boyle und sein heroisches alter ego sind Geschöpfe zwischen den Stühlen: Der stellare Erfolg des kurz zuvor aus der Taufe gehobenen Supermans verlangte auch bei der Konkurrenz nach einem gleichgearteten Helden, aber so richtig super war "The Spirit" nie: Kein Cape und keine Strumpfhosen, dafür aber der Trenchcoat des 30er-Jahre-Ermittlers, pflichtschuldig angereichert um Handschuhe und eine Maske. Mit der Moral war das auch so eine Sache; Boyle arbeitete mit der Polizei, aber gelegentlich auch gegen sie. Eisners Vorliebe für starke Frauencharaktere bereicherte das Universum des Spirits zudem um eine Galerie von toughen Pin-up-Schönheiten, angesichts derer dem erzbraven Clark Kent die Schamesröte ins Gesicht geschossen wäre. Im Gegensatz zu diesem hatte The Spirit auch keine wirklichen Superkräfte, wenn sein Schöpfer und das Gebot der Action ihn auch immer wieder endlose Schlägereien ausfechten liessen. Einmal solle Eisner gar im Scherz gemeint haben, die Superkraft seines Schützlings sei es, endlos Haue einstecken zu können. Warum das so war, interessierte freilich weder ihn noch die Leser damals wirklich: Superhelden waren da und super, weil die Zeit eben nach super Helden verlangte. Erklärungen, psychologische gar, wurden auf später verschoben: Auf 1980 nämlich, Auftritt: Frank Miller. Düstere Zeiten Das ist der Mann, der zu Recht ebenfalls berühmt wurde als herausragender Comic-Schreiber und -Zeichner. Seine Hauptmeriten heimste er ein, als er in den 80ern Batman in "The Dark Knight Returns" eine gehörige Portion Finsternis inji-zierte und ihn und die ganze Superheldensippe damit aus ihrem Grab im Kinderzimmer erweckte. Miller ist aber auch derjenige, dem echauffierte Stimmen schon damals das latent zynische Selbstjustizgetue seiner Männer- und die offen sexistischen Züge seiner Frauenfiguren vorhielten. Der Mann, der die Vorlage für Zach Snyders "300" schuf, das nicht wenigen als antike CGI-Version von "Triumph des Willens" gilt. Und als Robert Rodriguez mit viel Computertechnik, verhältnismässig wenig Geld und völliger Missachtung der Benimmregeln Hollywoods "Sin City" verfilmte? Da sass Frank Miller, Schöpfer der Comic-Vorlage, im Co-Regisseur-Stuhl und verteidigte den Film als Parodie auf den Film noir gegen den Verdacht, die Frauen in Basin City seien bloss fatal und die Männer schrankenlos gewalttätig, weil ihrem Schöpfer nichts anderes einfalle. Und nun ist Frank Miller also auch noch der Mann, der das Drehbuch zur Filmadaption von "The Spirit" verfasst hat und zu dieser Gelegenheit auch gleich erstmals allein Regie führte. Das Endresultat zeigt, dass Miller in der Lehre bei Rodriguez nicht nichts gelernt hat. Aber nur das Falsche. Und noch düsterere Das ist das Versagen des Regisseurs Frank Miller: Er will und kann nichts als beeindrucken. Wie in "Sin City" verwandelt der Computer eine Stadt - bei Eisner heisst sie Central City - in ein Geflecht aus schwarz, weiss und noch-schwärzer. Im Vergleich zu "The Spirit" aber wirkt Rodriguez Film - dem jegliche Subtilität weiss Gott fern lag - wie ein filigranes impressionistisches Gemälde aus Schatten. Miller dagegen kleckert nicht, er klotzt nur noch: Kein Schnitt ohne Effekt, keine Einstellung ohne mindestens vier graphische Gags. Die sehen aber, nicht zuletzt weil sie aus "Sin City" bekannt sind, verdammt schnell alt aus. Der Rest ist visuelle Onanie, und zwar im selbstmörderischen Tempo. Der Film stolpert von einer Actionszene in die andere und fällt endgültig in die Fallgruben des Geht-Gar-Nicht, wenn er dann doch versucht, sein Tempo zu drosseln.

Und das muss er immer wieder tun, weil der Drehbuchschreiber Frank Miller eben-falls versagt: Er scheint die Eisnersche Erklärungslosigkeit nicht akzeptieren zu können. Eine Vorgeschichte muss deshalb her, in unmotivierten Rückblenden und ellenlangen Off-Kommentaren erzählt, zu denen der Spirit (Gabriel Macht - den Film aber auch nicht besser) mangels besserer Regieeinfälle illustrativ seiner Katze in die Augen schaut. Die Vorgeschichte gipfelt in einem pseudo-mystizistischen Scheinplot um die Unsterblichkeit des Helden, bei dem auch Samuel L. Jackson als grässlich aufgedrehter Bösewicht Octopus in nicht enden wollenden Prügeleien mitmischen darf. Und dann ist da, apropos Onanie, natürlich auch der Harem der Frauen, die aus Millers Vorlage kaum mehr als ihre blumigen Namen übernommen haben: Die Spa-nierin Paz Vegas alias Plaster of Paris läuft minimal bekleidet mit französischem (!) Akzent umher und darf dazu mit Messern wedeln (die Millersche Vorstellung einer starken Frau schlechthin, vgl. die von ihm geschaffene Marvel-Amazone Elektra). Scarlett Johansson hat als Silken Floss die zweifelhafte Ehre, im Nazi-Kostüm als ultimatives Sinnbild für den phänomenal dumpfen Humor des Films dazustehen, der mit kalkuliertem Überborden à la Camp nichts, aber auch gar nichts gemein hat. Und Eva Mendes aka Sand Sarif? Sie teilt sich die weibliche Hauptrolle mit ihrem Hintern, der in der Mitte des Films tatsächlich einmal nackt zu sehen ist. Danach dürfen selbst die einfacheren Gemüter, für die dieser Anblick den Kauf eines Kino-Billets rechtfertigt, guten Gewissens den Saal verlassen. Frank Miller hat mit "The Spirit" nicht nur seine Unfähigkeit als Filmemacher bewie-sen. Wenn dieser Film -- und Interviews lassen eigentlich keinen Zweifel daran -- tatsächlich das ist, was Miller in Eisners Comics sieht, dann beweist dies vor allem eines: Dass jeder jemals gegen ihn geäusserte Chauvinismus- und Dumpfheitsver-dacht zumindest einen wahren Kern enthält. Will Eisner seinerseits dürfte, wenn er sich nicht überlegt, aufzuerstehen um gegen derartige schurkische Machwerke zu kämpfen, sich immerhin einmal im Grab umgedreht haben.

Dieser Text erschien ursprünglich auf nahaufnahmen.ch.

#film #comic #frankmiller

1 view