• Christof Zurschmitten

Grenzerfahrungen, Pt.II: China


Wenn sich zwei Nationen, die so gerne gesundes Selbstbewusstsein demonstrieren wie Russland und China, direkt gegenüberstehen, ist eines eigentlich unvermeidbar: Ein Schwanzlängenvergleich. Und Jungejunge, haben die Chinesen aber darin investiert, mit allen Klischees über asiatische Liebhaber ein für alle Mal aufzuräumen. Wo die russische Grenzstadt völlig in post-sowjetischer Malaise aufgeht, stehen auf der chinesischen Seite Hochhäuser, gross und stolz. Und offensichtlich fertig gebaut. Hell beleuchtet, natürlich, damit man ihren Glanz auch noch weit in die Steppe hinaus (und vor allen Dingen in den bröckelnden Behausungen auf der anderen Seite) sieht.

Auch im Ablauf der Grenzkontrolle zeigen sich die feinen kulturellen Unterschiede zwischen den Ländern. Verhärmte Gesichter soldatischer Bauart auf der einen Seite, kühl kalkulierende Bürokratie auf der anderen -- wenn man, wie wir zu diesem Zeitpunkt, derart müde ist, ist man froh um die mentale Entlastung, die bestätigte Klischees mit sich bringen. Ein erster Beamter betritt das Abteil, wirkt ernst, aber verliert sich sofort in sympathische Anekdoten über seine Heimat, sobald er mitbekommen hat, dass A. ein wenig Chinesisch beherrscht. (Sogar eine kurze Berührung des Schulterblatts liegt drin.) Nach dieser Good Cop- folgt die Bad Cop-Routine: Zwei weitere Beamte, wie alle Chinesen in schnittigen Mänteln, betreten das Abteil und schlagen andere Töne an. Keine unfreundlichen, absolut nicht, aber solche, die keinen Zweifel daran lassen, dass zwischen ihre messerscharfe Professionalität und uns kein Milimeter Scherz passt.

Die Russen haben zwei Dutzend Männer und Hunde, die Chinesen haben diesen Ton und Handschuhe, und wirken dennoch keinen Deut weniger einschüchternd. Und vielleicht ist diese eher subtile Herangehensweise sogar noch etwas perfider: Wo die Russen Autorität demonstrieren mit dem emsigen Ernst eines Probelaufs für eine Drogenrazzia, ist es die Strategie der Chinesen, einen schlicht im Dunkeln zu lassen, im wörtlichen wie übertragenen Sinn. Während anderthalb Stunden warten wir in unserem Zugabteil, in dem aus Stromspargründen nur die Leselampen die längst eingetroffene Nacht erhellen, darauf, dass wir unsere Pässe zurückbekommen. Als Durchschnittsreisender, dessen explosive kriminelle Energie nur in den Köpfen von Zollbeamten existiert, wird man vermutlich keinen Moment erleben, in dem man sich verwundbarer fühlt als in jenen Augenblicken, in denen Grenzbeamte den Pass (und damit letztlich auch das Schicksal der Reise) in ihren Händen halten. Zu befürchten gibt es nichts, im Prinzip, aber im Dunkeln werden dennoch Sorgen ausgebrütet. Was wäre wenn? Der Grenzübertritt als mentaler Abenteuer- und Katastrophentourismus.

02. bis 03.03.2017, Transsibirische Eisenbahn

Dem der Grenzbeamte unversehens ein Ende bereitet, als er, als man mit ihm schon fast nicht mehr gerechnet hat, zurückkommt. Und den Pass auf den Tisch legt und einen schönen Tag wünscht. Freundlich, einfach so. Als sei nichts gewesen. Dabei ist etwas gewesen. Etwas Grenzwertiges. Und das ist noch nicht vorbei, denn wirklich frei bewegen dürfen wir uns nicht.

Am Bahnhof, für den wir wie auf der russischen Seite den Zug verlassen müssen (diesmal geht es darum, das chinesische Bordrestaurant anzukoppeln), widmet man sich wieder der Demonstration der Tatsache, dass sich das internationale Macht- und Prosperitätsgefälle in den letzten 20 Jahren entschieden verlagert hat auf diese Seite der Grenze. Die Russen haben eine Wartehalle aus Marmor, die Chinesen ein ganzes Gebäude. Im Erdgeschoss betritt man einen weitläufigen Kontrollapparat aus Schleusen, Ebola-Warnplakaten und einem medizinischen Untersuchungszimmer, auf dessen Türe das Symbol für Radioaktivität prangt. Waffen und Drogen scheinen hier das kleinste Problem zu sein, oder aber im Gegenteil ganz andere Dimensionen anzunehmen. Ein Schild verspricht ein "Restoran" im 2. Stock, wir steigen, gemeinsam mit einer Handvoll weiterer Reisender und der Bordcrew, hinauf und finden uns in einer enormen Wartehalle wieder, in die das chinesische Überlegensheitgefühl es noch nicht geschafft hat.

Alle Stühle sind leer, dafür sitzen sich zwei konkurrierende Geldwechslerinnen gegenüber, die ihre Geschäfte mit einer Registrierkasse betreiben, die auf einem Pult aus leeren Whisky-Kartons steht. Zwei ebenfalls konkurrierende Läden, die genauso gut denselben Eingang haben könnten, teilen sich eine Ecke des Saals und sind auch in ihrem Angebot Spiegelbilder voneinander: Instantnudeln, Wachteleier, Bier, Taschen mit Sinnsprüchen aus der Prä-Google-Translate-Ära. Und Schnapps, Schnapps, und nochmal Schnapps, mit eingelegten Tieren unbekannter Provenienz oder Etiketten, die wirken, als hätte jemand vor langer Zeit ein verpixeltes Foto einer Jack Daniels-Flasche gesehen und diese, so gut es ging, aus dem Gedächtnis nachgezeichnet. Fast niemand kauft etwas, ausser der Bordcrew, die sich dermassen versorgt mit Alkohol, dass wir nur hoffen können, sie kaufe Geschenke für die Lieben in der Heimat und nicht dafür, die ungeliebte Reise erträglicher zu machen.

Die Restoran-Tour ist schnell gemacht, danach ist wieder Warten angesagt, was alle hier mittlerweile ganz gut beherrschen. Russische Jugendliche (die männlichen) stehen unmotiviert herum, nachdem sie zaghaft Dosenbier gekauft haben oder (die weiblichen) versuchen kooperativ die chinesischen Schriftzeichen in der Umgebung zu entziffern. Wir entdecken die "Self-Abandonment Box" und sind nicht sicher, ob sie lediglich der freiwilligen Aufgabe unerlaubter Güter dienen soll oder eher das diskrete chinesische Pendant ist zum "Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate", mit dem Dante den Eintritt zur Hölle markiert hat.

Nachdem ein chinesischer Beamter doch noch die überdimensionierten Pforten zum Bahnhofgebäude aufgestossen hat, dürfen wir zurück zum Zug. Der ist noch immer dunkel, die Toiletten sind noch immer verschlossen. Bis er wieder losfährt, wird es weitere drei Stunden dauern. Damit können wir leben. Denn: Abgesehen von alledem steht unserer Reise durch China nun definitiv nichts mehr im Weg.

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